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Liebe „Entscheider“,

bitte nicht erschrecken! Jetzt heißt es tapfer sein. Gelassen. Und strategisch weise.

Sie haben mich aus heiligem Anlass, dem 60. Jahrestag Ihres Magazins, um eine Blattkritik gebeten. Das ist nicht nur eine außergewöhnliche Ehre, sondern auch eine besondere Verpflichtung. Mit üblicher Lektüre kann es nicht getan sein. Was wollte ich auch einwenden gegen klug gesetzte Titelthemen wie „Nachhaltigkeit“, „Medien und Macht“ oder „Was hält unsere Gesellschaft zusammen“?

Der 60. Jahrestag, meine ich, sollte Sie zu einem grundlegenden medialen Kurswechsel veranlassen – zu einer Art digitaler Wiedergeburt. Ein zweimonatlich erscheinendes Print-Magazin, mag es auch noch so klug gemacht sein, hat in Ihrer Generation schon auf kürzere Sicht keine Chance mehr wahrgenommen zu werden. Denn 14- bis 19-Jährige, das offenbart eine alarmierende Untersuchung, lesen pro Tag im Schnitt nur noch sieben Minuten Zeitung und zwei Minuten Zeitschrift. Sie verbringen aber 125 Minuten im Internet, schauen 114 Minuten Fernsehen, hören 109 Minuten Radio und lesen sogar noch 27 Minuten Buch. Diese Generation lebt ganz und gar online, drei Viertel tummeln sich in sozialen Netzwerken. Fasst man die Altersgruppe etwas weiter, bis 29 Jahre, so hat sich der Anteil jener, die angaben, sie hätten „gestern“ eine Zeitung gelesen, seit 1980 von 72,3 auf 36,5 Prozent halbiert!

Ja, werden Sie mir jetzt vielleicht antworten, aber wir wenden uns ja nicht an irgendwelche jungen Leute – die „Entscheidung“ wird nur für politische Funktions- und Mandatsträger gemacht! Ach, und deren Medienverhalten ist grundsätzlich anders, selbst wenn sie jung sind? Ich glaube das nicht. Wenn Sie auch in Zukunft wahrgenommen und nicht bloß postalisch in Empfang genommen werden möchten, müssen sie das Medium wechseln. Jetzt! Wann denn sonst?

Die Vorteile liegen doch auf der Hand: Die „Entscheidung“ als Website wäre ungleich lebendiger und zeitnaher. Sie könnte Texte, Fotos, Illustrationen in beliebiger Zahl und Länge publizieren, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Und sie könnte mit ganz anderen journalistischen Mitteln arbeiten. Auch und vor allem: mit Bewegtbild, Videos also. Und: Sie müsste dann – ja, nicht „könnte“, sondern „müsste“ – interaktiv werden. User möchten online debattieren: loben, widersprechen, ergänzen. Auch Funktions- und Mandatsträger, vielleicht gerade die. Aber vielleicht gehen Sie auch gleich einen Schritt weiter und öffnen die „Entscheidung“ fürs breite Publikum, für alle Interessierten. Ich rate dazu.

Ein Online-Medium, das nur von oben herab doziert, ist tot geboren. Ein Online-Medium, das sich öffnet, wird jeden Tag neu geboren. Klar, das erfordert Man- und Womanpower. Eine engagierte Redaktion also, die ständig präsent ist, um die Website zu bestücken, zu betreuen und zu pflegen, auch rein zu halten von Unflat, Schmutz und Dummheit. Das kostet Geld, Geld das Sie nicht haben? Zunächst mal: Geld lässt sich in der Politik nicht besser anlegen als in Kommunikation. Und: Müssten CDU und CSU eine solche mediale Wiedergeburt nicht großzügig finanziell fördern? Ganz zu schweigen davon, dass das Anzeigengeschäft höhere Erlöse verspricht. Dass die „Entscheidung“ auf den Websites der Schwesterparteien wie der JU dauerhaft und auffällig verankert werden müsste, versteht sich ohnehin. Umgekehrt wäre über Synergien zu sprechen, die Nutzung von CDU-TV beispielsweise.

So, und nun wird’s vielleicht ganz bitter für Sie. Denn auch eine Umbenennung darf nicht tabu sein. Der Titel „Entscheidung“ trägt einfach nicht mehr nach 60 Jahren. Man kann ihn ja mitnehmen, in einem Untertitel, um die Tradition wach zu halten. Aber als Haupttitel ist er einfach zu betulich. Ich rate Ihnen, einen Ideenwettbewerb auszurufen, um den neuen Namen zu finden. Das mobilisiert, nimmt die JU-Mitglieder gleich mit auf die Reise ins digitale Zeitalter – und weckt ihre Neugier auf das Ergebnis.

Also: Mut ist gefragt. Beweglichkeit. Strategische Weitsicht. Rettet die skandinavischen Wälder! Raus aus dem Papier, rein ins Netz!

Herzlich grüßt
Hans-Ulrich Jörges

Über den Autor:

Hans-Ulrich Jörges schaut auf eine lange journalistische Laufbahn zurück. Er ist seit 2007 Mitglied der Chefredaktion der Illustrierten Stern und Chefredakteur für Sonderaufgaben des Verlags Gruner + Jahr.

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