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Manches hat sich verändert, vieles ist gleich oder ähnlich geblieben – ehemalige Chefredakteure schildern ihre Erinnerungen aus sechs Jahrzehnten ENTSCHEIDUNG

Die Arbeit für die ENTSCHEIDUNG hat uns immer besonders viel Spaß gemacht. Viele arbeiteten ehrenamtlich mit. Die journalistische Qualität profitierte von Kompetenz und Einsatz des Chefredakteurs Gerhard Reddemann. Die Zeitschrift litt dennoch immer wieder unter Finanzierungsengpässen und Auflagenschwankungen. Der Verleger, die Druckerei Weiss in Monschau, drückte nicht selten ein Auge zu, wenn die JU in Zahlungsverzug kam. Nach 60 Jahren Entscheidung hoffe ich, dass die Printversion lange erhalten bleibt. Die digitalen Möglichkeiten halte ich für eine großartige Neuerung, aber unser haptisches Verhalten braucht auch eine Zeitschrift, die man in den Händen halten kann.

Lothar Kraft war von 1965 bis 1969 Bundessekretär der Jungen Union Deutschlands.

Die ENTSCHEIDUNG stand stets unter besonderer Beobachtung. Widerstand, Ärger, aber auch Lob drohten nicht nur von einzelnen Bundesvorstandsmitgliedern oder deren Landesverbänden, sondern auch von der Mutterpartei, die damals erwartete, dass die JU sozusagen als verlängerter Jugendarm der CDU zu agieren habe. Der Parteilinie gegenüber kritische Artikel wurden oft postwendend beanstandet – vom Generalsekretär oder vom Vorsitzenden. In „meiner Zeit“ durfte ich das mehrfach bei Rainer Barzel und vielfach bei Helmut Kohl erleben. Barzel schrieb mir gewöhnlich direkt, Kohl schrieb gewöhnlich an den Vorsitzenden, er möge mich gefälligst zusammenfalten.
Die erste wirklich ernste Auseinandersetzung mit Partei und Vorsitzendem bereitete mir die Diskussion um einen kritischen Leitartikel von mir zur Ostpolitik. Auf Wegen, die ich bis heute nicht aufgedeckt habe, gelangte der Artikel direkt an den Parteivorsitzenden und natürlich auch an Jürgen Echternach. Es war meines Wissens das erste und einzige Mal, dass eine fertiggestellte Ausgabe der ENTSCHEIDUNG komplett eingestampft werden musste. Zum Glück war sie noch nicht ausgeliefert – und ich kam mit zwei „blauen Augen“ davon.

60 Jahre „Entscheidung“ – eine beachtlich lange Zeit für ein politisches Magazin, das nicht alt geworden ist, sondern sich stets verjüngt und verbessert hat! Herzlichen Glückwunsch!

Peter Helmes war Chefredakteur von 1972 bis 1973.

Kaum drin, schon fast wieder draußen: 1978 wurde ich als junger Zeitungsredakteur und Kreisvorsitzender der Jungen Union im schönen Siegen-Wittgenstein in die Redaktion der ENTSCHEIDUNG berufen. Ich ging mit Leidenschaft und Begeisterung ans Werk. Doch kaum drin, da sollte ich auch schon wieder raus. Ausgerechnet aus meinem Kreisverband traten 1979 Mitglieder bei einem JU-Landestag mit „Stoppt-Strauß-Button“ öffentlich auf, gerichtet gegen den damaligen CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Franz-Josef Strauß. Gerne nahm sich das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ der kritischen Geister an – und prompt versuchte der damalige bayerische JU-Landesvorsitzende im Bundesvorstand meinen Ausschluss aus der Redaktion zu erreichen. Schließlich sei es mir ja nicht gelungen, diesen Auftritt zu verhindern. Freilich ohne Erfolg: Es bleibt meinem langjährigen bayerischen Redaktionsmitstreiter Hans-Peter Niedermeier zu verdanken, mich vor dem frühen Ausschluss aus der Redaktion bewahrt zu haben. So hatte ich mehr als 15 Jahre die Möglichkeit, in der Redaktion mitzuarbeiten. Glückauf für die nächsten 60 Jahre!

Dirk Metz gehörte von 1978 bis Anfang der 1990er Jahre der Redaktion an und war von 1985 bis 1987 Chefredakteur. Von 1999 bis 2010 war er Staatssekretär und Sprecher der Hessischen Landesregierung. Heute ist er selbstständiger Kommunikationsberater.

In meiner Zeit als Redakteur und Chefredakteur war die ENTSCHEIDUNG von ihrer heutigen Optik noch weit entfernt. Gelegentliche Titelseiten im Vierfarbdruck machten die Redaktion glücklich, sonst lockerte allenfalls auf wenigen Seiten eine Schmuckfarbe das Schwarzweiß auf. So auch auf dem Titel der ENTSCHEIDUNG vom Februar 1991, wo wir die Umsetzung einer langjährigen JU-Forderung feierten: „Endlich eine Ministerin für die Jugend!“. Zur Illustration hatte ich mich gegen die Standard-Fotos der Ministeriums-Pressestelle und für Bilder eines JU-Mitglieds entschieden. Digitalkameras waren kaum weit verbreitet, entsprechend unscharf die Aufnahmen der 36-jährigen Ministerin. Ihr Büro übermittelte mir geballten Unmut, geschadet hat die Illustration dennoch nicht: Seit 2005 regiert Angela Merkel Deutschland als Bundeskanzlerin.

Christian Boergen war von 1987 bis 1994 Mitglied der Redaktion und von Ende 1989 bis 1991 Chefredakteur. Er leitet heute ein Büro für Medienarbeit mit den Tätigkeitsschwerpunkten Reisejournalismus und Beratung. Foto: Axel Unbehend, www.u-fo.de

Ein Jugendverband muss auch kritisch sein gegenüber der Mutterpartei. Deshalb war es schön und spannend, Anfang der 1990er Jahre eine konstruktiv-freche ENTSCHEIDUNG verantworten zu dürfen. Mit spannenden Exklusiv-Stories: Wolfgang Schäuble plädierte für eine ökologische Steuerreform, Christian Wulff prangerte an, dass CDU/CSU vor der Wahl Steuererhöhungen ausgeschlossen hatten, die nach dem Wahlsieg doch kamen.

Prof. Dr. Frank Überall, Chefredakteur von 1993 bis 1996, ist heute Politik- und Medienwissenschaftler sowie Autor zahlreicher Bücher. Foto: Manfred Wegener

An die erste Ausgabe der ENTSCHEIDUNG, die ich als Chefredakteur zu wuppen hatte, erinnere ich mich noch sehr genau. Das Titelthema „Bundeswehr“ lag nicht fern, schließlich hatte ich erst ein paar Wochen zuvor meinen Wehrdienst beendet. Damals lieferte der deutsche Beitrag zur Militärintervention im Kosovo heiße Diskussion innerhalb der rot-grünen Bundesregierung, die daran fast zerbrach. Der 11. September 2001 mit all seinen Folgen für die transatlantische Partnerschaft und der Kampf gegen den Terror, der bis heute anhält, waren noch weit entfernt. 13 Jahre sind seit meiner ersten Ausgabe vergangen – und wenn ich heute die Seiten durchblättere, sind manche Themen noch immer aktuell – etwa die Diskussion um Steuersenkungen oder die Suche nach der Identität Europas. Als JU-Bundesvorsitzender lag mir die ENTSCHEIDUNG als ehemaligem Chefredakteur weiterhin am Herzen. Wir haben deshalb gerade auch in den vergangenen Jahren alles getan, um der alten Dame einen frischen Anstrich zu geben. Die Vernetzung mit dem Internet und das farbige Layout haben die Relevanz des Magazins unterstrichen. Am Anspruch geändert hat sich seit 60 Jahren nichts: Die ENTSCHEIDUNG ist die gedruckte Stimme der jungen Generation!

Philipp Mißfelder MdB war Chefredakteur von 2000 bis 2002.

Im Rahmen ihres Umzugs nach Berlin Anfang 1999 stieß ich zum Kreis der ENTSCHEIDUNGs-Macher. In dieser urzeitlichen Epoche kamen die Korrekturausdrucke noch per Telefax - und USB-Sticks sowie andere "Cyberspace"-Hilfsmittel waren unvorstellbar. Aufgrund der daraus resultierenden Zeitverzögerungen kam es häufig zu Nachtschichten in der JU-Bundesgeschäftsstelle, verkehrstechnisch dann zwangsweise bis zur ersten U-Bahn kurz nach 4 Uhr morgens. Manchmal führte diese unkonventionelle Arbeitsweise zu „Drehern“ im Heft - so wurde etwa aus dem in Köln geborenen CDU-Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler, einem stolzen und lokalpatriotischen Rheinländer, plötzlich ein gebürtiger Hannoveraner. Dank eines Fasses Kölsch beim Frühlingsempfang der ENTSCHEIDUNG sah der redaktionell Umgesiedelte jedoch schnell über diesen Fauxpas hinweg…

Georg Milde, Chefredakteur von 2002 bis 2003, gehört bis heute zu den Autoren der ENTSCHEIDUNG. Er ist Referatsleiter im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.

Schwarz ist schön! Es war der Aktivisten-Claim der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Weit vor der inflationären Verwendung von Anglizismen wurde er 1967 zum Leitspruch der Jungen Union: „Black is beautiful“. Der erfolgreiche Werbespruch, der das Lebensgefühl der Jungunionisten beschreibt, war für JU-Chef Philipp Mißfelder Anlass genug, ihn rund 40 Jahre nach seiner ersten Erwähnung in einem furiosen Comeback wiederzubeleben. Zur „Black“-Kampagne gab es eine Sonderedition der ENTSCHEIDUNG, die postalisch mit über 130.000 Exemplaren an alle (!) JU-Mitglieder versendet wurde. Der Leitartikel beschrieb, was „black“, was „beautiful“ ist. So kam auch ein kultiges Foto von Schlagerbarde Roy Black zum Abdruck, aufgenommen in der „Hitparade“-Kulisse aus den 1970ern und mit Moderator Dieter Thomas Heck. Dieser bedankte sich schriftlich bei der Redaktion für die Erwähnung und das Erinnern an „meinen wundervollen Freund Roy“, der 1990 verstarb. Gern geschehen, Herr Heck.

Sidney Pfannstiel, Chefredakteur von 2003 bis 2010, ist heute Chef vom Dienst des UNION Magazins der CDU Deutschlands und als Kreativ-Konzeptioner im Konrad-Adenauer-Haus tätig.

60 Jahre ENTSCHEIDUNG, unerschütterlicher Fels in der Brandung. Bei anderen Redaktionen schlagen die Wellen gerade wieder hoch. Was kann/soll/darf ein Magazin heute und wie besteht man in der schnellen Online-Welt? Wir haben viel darüber diskutiert: Was würdet ihr von einer ENTSCHEIDUNG als reines Online-Magazin halten, als App, als Kompaktausgabe? Nicht alle Tücken von Neuerungen kann man vorhersehen. Bei der Idee zum SMS-Interview haben wir nicht mit so zurückhaltenden Reaktionen bei den Interview-Partnern gerechnet. Allein schon die Handy-Nummern zu bekommen war oft schwieriger als gedacht. Von der Beschränkung der Antwortlänge ganz zu schweigen. Es hat trotzdem immer Spaß gemacht, einiges auszuprobieren. Die deutschen Magazine sollten die Herausforderung annehmen, auch unsere Generation für sich zu gewinnen. Dass dies möglich ist, zeigt die ENTSCHEIDUNG - auch mit „rüstigen“ 60 Jahren.

Younes Ouaquasse, Chefredakteur 2011, ist seit Dezember 2012 Beisitzer im CDU-Bundesvorstand.

In meiner Amtszeit soll es einmal vorgekommen sein, dass ein und dieselbe Überschrift in zwei Heften hintereinander für das große Interview verwendet wurde. Ist aber keinem aufgefallen – außer unserer Grafikerin Nic Westrich, aber auch leider erst beim Lesen des fertig gedruckten Produkts. Immerhin lautete die doppelt verwendete Überschrift „Rot-Grün spaltet die Gesellschaft“, was ja im Prinzip sowieso stets passt. Überhaupt Vorsicht bei Überschriften: Steht bei einem Namensartikel der Texttitel „Je breiter, desto besser!“ direkt neben dem Porträtfoto des Autors, kann das – es ging um den Energiemix – zu falschen Assoziationen führen. Allerdings gehört das zum Schicksal von Blattmachern. ENTSCHEIDUNG, ad multos annos!

Dr. Stefan Ewert, Chefredakteur von 2007 bis 2011, ist heute Sprecher im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.

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