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Eine Analyse zur politischen Bedeutung der Winterolympiade für das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen

Am 7. Februar startet die XXII. Winterolympiade in Sotschi. Für Präsident Vladimir Putin ist es das bisher größte internationale Prestigeprojekt im postkommunistischen Russland. Anfangs gab es überall, auch in Russland, große Bedenken, ob eine solch hochwertige Sportveranstaltung des Wintersports in einem mediterranen Kurort an der „russischen Riviera“ am Schwarzen Meer überhaupt durchgeführt werden könnte. Auch die Nähe des Austragungsortes der Olympischen Spiele zum Nordkaukasus, einer Region, in der der islamische Terrorismus noch allgegenwärtig ist, wurde als Problem erachtet.

Dann fehlten Russland die Investoren. Putin delegierte einige der reichsten Oligarchen und Großunternehmen nach Sotschi und gab ihnen Spezialaufträge, die Sportanlagen aus dem Boden – vielmehr aus den Bergen – zu stampfen. Zahlreiche Anlieger mussten umgesiedelt werden. Die Baukosten explodierten. Für die neu zu schaffende Infrastruktur betrugen sie nach heutigem Stand 50 Milliarden US-Dollar. Für viele kritische Beobachter wurde Sotschi zum Synonym für die ausufernde Korruption in Putins Russland. Schließlich begann zwei Monate vor der Eröffnung der Olympiade eine Debatte im Westen, ob die Winterspiele aufgrund von Menschenrechtsverletzungen in Russland nicht boykottiert werden sollten. Wohl nie wurde eine Winterolympiade international mit solch kritischen Argusaugen betrachtet.

Die russische Führung war bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen, um über den Sport das Image des Landes in der Welt zu verbessern. Die Sportkomplexe von Sotschi sollen auch ein Aushängeschild der Modernisierung werden und ein wichtiger Impuls für die Erneuerung der maroden Infrastruktur in ganz Russland. Alles nur eine unberechtigte Hoffnung?

Wagen wir den Blick in die Kristallkugel: Februar 2014. In den ausverkauften Stadien, in denen die Winterspiele stattfinden, weht überall die russische Trikolore. Über hundert Nationalmannschaften nehmen mit Fan-Anhang am Turnier teil. Die Russen zeigen sich dort von ihrer gastfreundlichsten Seite, wo früher kaum ausländische Touristen kamen. Die Touristen sind zufrieden, sie dürfen ohne Visum nach Sotschi einreisen, finden hochwertige Hotelzimmer und einen freundlichen Service vor. Das lange Zeit in seiner totalitären Vergangenheit gefangene Russland ergreift die einzigartige Chance, sich von den Altlasten seiner Mentalität mit Hilfe der Olympiade zu befreien, seinen Nationalstolz und Patriotismus in Toleranz mit den anderen Nationen zeigen. Russland präsentiert sich als offenes Land, so, wie es die Ukraine während der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr vorgemacht hatte. Die Vorbehalte in der russischen Bevölkerung gegenüber dem Westen weichen einem neuen positiven Geist. Gewinner der Olympiade wird so auch die russische Zivilgesellschaft, denn niemand kann zulassen, dass Sotschi 2014 eine reine Funktionärsveranstaltung wird.

Es mag nur eine Hoffnung sein, aber vielleicht lässt sich der politische Dialog zwischen Russland und Westen durch Sotschi gründlich verbessern.

Über den Autor

Alexander Rahr ist Forschungsdirektor des Deutsch-Russischen Forums. Der Russland-Experte hat zahlreiche Publikationen zum politischen System in Russland verfasst, darunter eine umfassende Biographie über Vladimir Putin.

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