Es mag etwas provokant sein, einen Beitrag zum 70jährigen Bestehen der Jungen Union mit einem Ausspruch von Gustav Heinemann zu beginnen, und nicht etwa mit Konrad Adenauer. Aber kaum ein Zitat passt so gut zu meiner Amtszeit als JU-Bundesvorsitzende.

Als ich im November 1998 – kurz nach der verlorenen Bundestagswahl – das Amt antrat, war die Partei in einer schwierigen Situation. Nach 16 Jahren Regierungsverantwortung unter Helmut Kohl mussten wir uns an die Rolle als Opposition erst einmal gewöhnen. Der Veränderungsdruck war so groß wie selten zuvor: Für die Junge Union war das nicht nur Herausforderung, sondern auch Chance und Verpflichtung! Chance und Verpflichtung, an der programmatischen Erneuerung der Partei mitzuwirken, strukturelle Veränderungen voranzutreiben und mehr innerparteiliche Demokratie einzufordern. Wer konnte einen Neuanfang, einen engagierten Aufbruch besser verkörpern als wir, die junge Politikergeneration? In dieser Hinsicht waren wir damals in einer beinahe beneidenswerten Situation. Wir fanden schnell den Mut, vermeintlich Bewährtes in Frage zu stellen und erfahrene Parteifreunde hörten uns aufmerksam zu. Die Junge Union und ihre Vorschläge wurden sehr ernst genommen.

In anderer Hinsicht waren die folgenden Jahre allerdings weniger beneidenswert. Dass es nach der Spendenaffäre mit der Vermittlungsfähigkeit von konservativen Positionen in der Öffentlichkeit zunächst schwieriger wurde, ist kein Geheimnis. Vergangenheitsbewältigung statt Zukunftsgestaltung – so hatte ich mir meine Zeit als JU-Vorsitzende ehrlich gesagt nicht vorgestellt. Wir wollten eine lebendige, freche und mutige Union. Wir haben daher nichts beschönigt, gleichzeitig aber konsequent auf zukunftsgerichtete Inhalte gesetzt. Das war unsere Strategie. Vor allem haben wir uns für eine faire Lastenverteilung zwischen den Generationen eingesetzt. Themen, die auch heute noch Dauerbrenner sind.

Durch die Konzentration auf Inhalte mit unmittelbarem Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen waren wir schließlich überzeugt: „Die Wahl 2002 ist offen". Als wir unsere Kampagne für die Bundestagswahl Anfang des Jahres auf die Schiene setzten, ahnten wir natürlich weder etwas vom Irakkrieg, noch von der schlimmen Jahrhundertflut an der Oder. Als Gerhard Schröder die Gummistiefel auspackte, packten wir unsere Werbelinie mit dem Slogan „Am 22.09. gehen die Roten baden“ wieder ein. Dem Ernst der Situation unangemessen, so unsere damalige Entscheidung. Es ist heute müßig, darüber zu philosophieren, ob Edmund Stoiber ohne die Flut wohl Bundeskanzler geworden wäre.
Ohnehin ist es die Aufgabe einer Jugendorganisation und damit auch einer Publikation wie „DER ENTSCHEIDUNG“ anlässlich eines Jubiläums nicht nur nach hinten, sondern nach vorne zu blicken. Die Rolle der Vordenkerfunktion fällt einer der JU schließlich nicht per se zu, sie will erarbeitet sein. So waren wir engagierter Treiber in der sogenannten Herzog-Kommission, die zu der richtigen programmatischen Erneuerung der Union führte.

„Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“

Und heute? Es wird wieder in geradezu erschreckender Art und Weise angesichts vieler innen- und außenpolitischen Entwicklungen deutlich: Jede Generation muss sich Freiheit und Demokratie selbst erobern. Das was heute politisch nicht getan wird, fällt auf die jungen Menschen von morgen zurück.
In dieser Hinsicht sind unsere jüngeren Parteifreunde nicht zu beneiden:

Europa und die europäische Integration haben uns Frieden, Stabilität und Wohlstand gebracht. Um die Jahrtausendwende stand das quasi als Binsenweisheit außer Frage. Heute ist das leider scheinbar anders: Der Brexit hat viele verunsichert, in Brüssel und in den Mitgliedsstaaten. Die globalen Herausforderungen wie Flüchtlingskrise oder Klimaschutz werden wir aber nicht alleine lösen. Wir brauchen Einigkeit in Europa – auch damit wir auf Augenhöhe mit unseren transatlantischen Partnern Zukunft gestalten können. Egal wo auf der Welt, Populisten von links oder rechts lösen keine Probleme.

Wir brauchen engagierte junge Menschen, die sich für nachhaltige und intelligente Politik- Konzepte einsetzen. Wir brauchen streitbare, mutige Demokraten. Wir brauchen eine starke, schlagkräftige JU.

Hildegard Müller war Bundesvorsitzende der Jungen Union von 1998 bis 2002 und ist für Netz & Infrastruktur verantwortliches Mitglied im Vorstand Vorstand der innogy SE.

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