Wähle deinen Beitrag:     Euro  

Am 31. August stellt sich der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich mit der von ihm geführten CDU Sachsen zur Wiederwahl.

„Der Deutsche ist eher bedächtig und nachdenklich. Der Sorbe freut sich über jeden Tag und legt nicht alles auf die Goldwaage - und dennoch sind wir Sorben sehr fleißig.“ Stanislaw Tillich (55) ist stolz, wenn er von seinen sorbischen Wurzeln erzählt. Die Hälfte der Einwohner seines 2000-Seelen-Heimatdorfes Panschwitz-Kuckau sind Sorben, eine nationale Minderheit westslawischen Ursprungs. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Tillich dort in ländlicher Idylle: Viele Dorffeste und Familienfeiern in großem Kreis. Lebendiges Brauchtum, Volkslieder, Sport im großen Freundeskreis. Und dennoch: Ein Leben in der DDR, die ländliche Idylle war nur ein Teil der Wahrheit. „Jeder wusste, dass man nur zuhause wirklich offen reden konnte. Und irgendwann kriegte man mit, dass man nicht alles studieren konnte.“ Regionalwissenschaften hieß das Fach, das der Abiturient Tillich gerne studiert hätte. Dafür müsse er einen verlängerten Wehrdienst ableisten, wurde ihm mitgeteilt. Daher entschied er sich für einen weniger „ideologischen“ Studiengang an der Technischen Universität Dresden, um dort Diplomingenieur zu werden. Dafür war ein vorheriger Grundwehrdienst in normaler Länge notwendig, den Tillich bei den Grenztruppen der DDR ableistete. „Das Leben musste irgendwie weitergehen“, blickt er auf die Jahre zurück, als sich der bevorstehende politische Umbruch in der DDR noch nicht abzeichnete.

Die Sorben lebten als nationale Minderheit und zugleich als katholische Minderheit etwas geschützter. „Man ließ uns mehr durchgehen als anderen“, so Tillich. Und dennoch hieß das: Zwölf Jahre auf einen Trabant zu warten, während die heimischen Braunkohlebriketts und andere Erzeugnisse in den Export gingen. „Ich wollte, dass meine Kinder vernünftig groß werden, und fragte mich, wie die Situation verbessert werden konnte.“ Was ihn als gläubiger Katholik zudem beschäftigte: „Die ständigen Auseinandersetzungen mit Gemeinde und Kreisschulamt, wenn die Kinder an kirchlichen Feiertagen nicht von der Schulpflicht befreit werden konnten.“ Als er nach dem Abschluss des Studiums Technischer Leiter eines Unternehmens werden sollte, wurde ihm nahegelegt, Mitglied der SED zu werden. Stattdessen entschied sich Tillich für den Beitritt zur Ost-CDU. Keine Oppositionspartei, aber: „Die CDU setzte sich für ein normales Leben auf den Dörfern ein.“ 1987 wurde er Mitarbeiter der Kommunalverwaltung, kurz vor dem politischen Umbruch 1989 dann Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Kreises Kamenz, zuständig für Handel und Versorgung. „Diese Zeit gehört zu meinem Leben dazu. Ich wollte für meine Familie sorgen und mich engagieren, damit sich etwas verändert“, so Tillich, „denn als Ingenieur erlebte ich ja die Mangelverwaltung.“ Dennoch rechnete er nicht mit dem, was im Herbst 1989 als friedliche Revolution in die Geschichte eingehen würde. „Mir fehlte ein Vergleich zur DDR. Wir hatten weder Westverwandte noch Westfernsehen.“ Die Oberlausitz zählte damals zum sogenannten „Tal der Ahnungslosen“, in dem keine westlichen Sender zu empfangen waren. Kurz vor der Wende schmuggelten Ordensschwestern des heimatlichen Zisterzienserinnenklosters Einzelteile für eine Satellitenanlage der Dorfgemeinschaft über die Grenze. „Da haben wir geschachtet wie die Weltmeister, um die Kabel zu verlegen. „Dass der Staat das stillschweigend durchgehen ließ, zeigte, dass da ein Prozess im Gange war.“ Mit der Wende bot sich ihm die Möglichkeit, sich als Konstrukteur selbstständig zu machen. Das war zuvor Handwerkern vorbehalten. „Diese Erfahrung prägt mich bis heute: Die Lust am Unternehmertun und zugleich das Zittern, ob man den nächsten Auftrag erhielt, um seine Mitarbeiter bezahlen zu können.“ Am 9. November 1989 fiel die Mauer - und plötzlich ging alles ganz schnell. „Im CDU-Kreisverband forderte ich, dass neue Gesichter die Verantwortung tragen müssen. Man stimmte mir zu, und da ich ein gewisses Vertrauen besaß, hieß es plötzlich, dass ich derjenige sein solle. So leicht kam man damals in die Volkskammer.“ Im Frühjahr 1990 wurde Tillich in das erste und letzte frei gewählte DDR-Parlament gewählt. „Dort habe ich dann Appetit bekommen, die neue Zeit mitzugestalten.“ Die deutsche Einheit am 3. Oktober 1990 erlebte Tillich vor dem Reichstagsgebäude: „Das Feuerwerk, das Deutschlandlied - erst da war ich sicher, dass der Prozess unumkehrbar war. Bis dahin hatte ich, wie viele in der DDR, immer noch den Hintergedanken an die weiterhin dort im Land stationierten sowjetischen Truppen und die Niederschlagung des Prager Frühlings.“

Nach der Wiedervereinigung wurde Tillich einer der entsandten Beobachter und ab 1994 gewähltes Mitglied des Europäischen Parlamentes, „eine der reizvollsten Aufgaben.“ Als Generalberichterstatter für den Haushalt sammelte er viele Kenntnisse, die ihm bis heute nützen - „und ich lernte auch das Hineinversetzen in die Gedankenwelt von Kollegen aus anderen Ländern.“ 1999 erfolgte sein Wechsel in die sächsische Landespolitik: Staatsminister und Bundesbevollmächtigter im Kabinett Biedenkopf, drei Jahre später dann Chef der Staatskanzlei unter dessen Nachfolger Milbradt. Als eine der wichtigsten Erfahrungen aus dieser Zeit nennt er das Elbe-Hochwasser in Sachsen im Sommer 2002 - „zu welcher gigantischen solidarischen Leistung Menschen in der Lage sind.“ Tillichs Aufstieg setzte sich fort: Umweltminister, Finanzminister - und dann der Rücktritt von Ministerpräsident Georg Milbradt im Mai 2008, in dessen Zuge Tillich zum neuen Regierungschef und CDU-Landesvorsitzenden auserkoren wurde. „In so einem Moment zögert man kurz, denn ich wusste als früherer Chef der Staatskanzlei, was auf mich zukam.“ Er habe sich über die neue Verantwortung gefreut - und zugleich Demut gespürt. „Demut sowie den Gedanken, dass man nicht übergroß ist, sondern Mitstreiter braucht - und seine Familie.“

Wenn Tillich am 31. August zum zweiten Mal zur Wiederwahl durch die sächsische Wählerschaft antritt, so verweist er auf die Erfolge der sächsischen Union als „die“ Regierungspartei seit 24 Jahren. „Dennoch müssen wir in Sachsen noch mehr erreichen: Acht Prozent Arbeitslosigkeit sind noch ein Stück von dem Industriestandort entfernt, der Sachsen vor den beiden Diktaturen war. Damit sein Ziel gelingt, freut er sich über sich abzeichnende Verstärkung in der neuen CDU-Landtagsfraktion: „Es wachsen viele junge Hoffnungsträger nach.“ Wenn Tillich in die Zukunft blickt, kommt wieder der optimistische Sorbe zum Vorschein: „Ich wälze keine Probleme vor mir her, sondern will Ziele erreichen. Nicht verbissen und unter Druck, sondern entspannt und in dem Wissen, dass ich den nächsten Tag ohnehin nicht bestimmen kann. Und dann tun sich plötzlich ungeahnte Möglichkeiten auf.“

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

Dein Kontakt zu Paul:
paul@junge-union.de
030 / 278 787 15

Dein Kontakt zur Bundesgeschäftsstelle:
ju@junge-union.de
030 / 278 787 0