Wähle deinen Beitrag:     Euro  

Als einen der Höhepunkte des Deutschlandtages in Rostock kündigte Philipp Mißfelder die Gesprächsrunde „30 Jahre Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl“ an. Moderiert von Johannes Pöttering ließen Prof. Dr. Bernhard Vogel, Dr. Rudolf Seiters und Georg Gafron die facettenreiche Biographie des Altbundeskanzlers Revue passieren. Mit persönlichen Anmerkungen schilderten sie den hartnäckigen Einsatz Kohls bei der Vollendung der Deutschen Einheit und sein leidenschaftliches Engagement für die Einigung Europas. Die Podiumsdiskussion ergänzte eine Reihe von Veranstaltungen, mit denen CDU/CSU und die Konrad-Adenauer-Stiftung jüngst an die Regierungsübernahme vor drei Jahrzehnten erinnerten.

Doch welcher Mensch verbirgt sich hinter jenem Politiker, der seiner Partei ein Vierteljahrhundert vorsaß, sie programmatisch erneuerte, im Oktober 1982 im Rahmen des ersten erfolgreichen konstruktiven Misstrauensvotums zum Bundeskanzler gewählt und vier Mal in diesem Amt bestätigt wurde? Hinter dem 1,96 Meter großen Ludwigshafener, der nicht nur zu Hause der Jüngste war, sondern auch der „Benjamin“ des rheinland-pfälzischen Landtags, dann jüngster Ministerpräsident, jüngster Parteivorsitzender und jüngster Bundeskanzler wurde? Hinter dem überparteilich geschätzten „Ehrenbürger Europas“ und „Kanzler der Einheit“, wie er auf einer aktuellen Sonderbriefmarke gewürdigt wird? Welche biographischen Konstanzen und politischen Koordinaten sind bei ihm von der Kommunal- bis zum Europapolitik erkennbar?

Unzählige Bezeichnungen sind ihm zugedacht worden, darunter „schwarzer Rübezahl“, „Helle“, „Wildling“, „Stürmer und Dränger“, „Hans Dampf in allen Gassen“, „barocker Kurfürst“, „erdhafter Tatmensch“, „Provinzler“, „Generalist“, „Mann der Partei“, „Dickbrettbohrer“ oder „Dauerkanzler“. Wer mit Wegbegleitern des vielleicht meistunterschätzten Politikers der Bonner Republik spricht, wer Kohls Pflege politischer Freundschaften im Sinne der Adenauerschen Devise „Vertrauen gewinnen“ betrachtet, wer das beständige Engagement für die deutsch-französische Aussöhnung untersucht, wer Kohls Regierungserklärungen ab Mai 1969 studiert, wer die symbolträchtigen Wirkungsstätten Kohls – z.B. Ludwigshafen, Speyer, Deidesheim oder Verdun – aufsucht, kann die Leitgedanken seiner Politik nachvollziehen: Freiheit als Bedingung des Friedens und nicht als dessen Preis, Frieden schaffen mit immer weniger Waffen, beharrliches Festhalten an der Sozialen Marktwirtschaft, Vertiefung der Verankerung in der Europäischen Staatengemeinschaft und der NATO, Deutsche Einheit und europäische Einigung als zwei Seiten einer Medaille, mehr Europa in deutschem Interesse.

Auf der biographischen Spur Helmut Kohls stößt man unweigerlich auf ein sehr grundsätzliches Bild von seiner Persönlichkeit: Es entsteht der Eindruck eines in der Pfalz verwurzelten Kriegskindes mit leidvoller Grenzerfahrung, eines Menschen der Erinnerungen, der Neugierde, der Gefühle, des Optimismus, der Rituale und des Genusses, eines Mannes der Mitte, eines in geschichtlichen Zusammenhängen und Zeiträumen denkenden Historikers, eines ebenso bewussten Deutschen wie überzeugten Europäers. Diese Merkmale hielt auch der Kohl-Porträtist Hansing bildlich fest: das Menschliche, das Pfälzische und das Europäische.
„Europa ist unser gemeinsames Vaterland“ unterstrichen Helmut Kohl und François Mitterrand im September 1984 vor dem Ossuaire de Douaumont. Auf einem der verheerendsten Schlachtfelder europäischer Bruderkämpfe formulierten die späteren Karlspreisträger während der „Eurosklerose“ einen Anspruch, der sowohl den Anfang des politischen Engagements Helmut Kohls kennzeichnet als auch das entscheidende Erbe der „Ära Kohl“ markieren und den geistig-politischen Hintergrund der Biographie des Altbundeskanzlers ausmachen dürfte. Aus seinem Verständnis eines Dreiklangs von Heimat, Vaterland und Europa heraus, wollte Helmut Kohl stets Grenzen überwinden. Folgerichtig hebt er die aktuelle Entscheidung des Nobelkomitees als Ermutigung hervor, die Europäische Integration kontinuierlich und unumkehrbar weiterzuverfolgen. Helmut Kohl mahnt uns, die Einheit Europas auch im 21. Jahrhundert als eine Frage von Krieg und Frieden zu begreifen.

Über den Autor

Philipp Lerch ist Deutschlandtags-Delegierter der JU Bonn und Kreisvorsitzender der Bonner CDU. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn und promoviert im Fach Politische Wissenschaft zur Frankreichpolitik von Helmut Kohl.

Diskussionsrunde "30 Jahre Bundeskanzler Helmut Kohl" auf dem Deutschlandtag

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

Dein Kontakt zu Paul:
paul@junge-union.de
030 / 278 787 15

Dein Kontakt zur Bundesgeschäftsstelle:
ju@junge-union.de
030 / 278 787 0