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Seit Februar ist der frühere mittelfränkische JU-Bezirksvorsitzende Christian Schmidt (CSU) neuer Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft.

von Georg Milde

Mittelfranken, eine 2000-Seelen-Gemeinde in den sechziger Jahren, eine Bäckerfamilie mit drei Kindern. „Ich bin in einem fränkisch-protestantischen Elternhaus aufgewachsen, wo ich frühzeitig lernte, dass jeder im Betrieb mithalf“, so Christian Schmidt. Geprägt habe ihn ebenso das ländliche Umfeld, das stark durch Konventionen gekennzeichnet gewesen sei. „Da war immer die Frage: ‚Tut man das? Darf man das?‘“ Er erinnert sich, wie er einst als Kind während der Passionszeit mit einer bunten Mütze durch den Ort lief. Das dürfe man nicht, wurde ihm schnell vermittelt. „Von da an habe ich sehr auf solche Dinge geachtet.“ Keine Provokation, sich nie ganz ins Innere schauen lassen, Pflichterfüllung. Frühzeitig sei ihm beigebracht worden, die Last von Aufgaben zu akzeptieren und zu tragen. Dass dies jedoch nicht mit bedingungsloser Gefolgschaft zu verwechseln ist, zeigt eine Demonstration der Kinder des Heimatortes zum Bürgermeister, der zur Beilegung seines Streites mit einer Schaustellerfamilie des Kirchweihfestes aufgefordert wurde. Angeführt wurde die Demonstration vom zehnjährigen Christian Schmidt. „Ich hatte schon immer das Gefühl, mich um andere Menschen kümmern zu müssen“, so Schmidt beim Blick zurück auf die Jahre, in denen er sich als Klassensprecher oder in der Evangelischen Jugend engagierte. „Ich möchte mich aber auch nicht zum reinen Altruisten überhöhen – der bin ich nicht“, relativiert er mit Blick auf sein heutiges Tun: „Im politischen Geschäft kann ich auch konfrontativ sein, wenn ich nur so zum Ziel komme. Mein eigentlicher Politikstil ist jedoch der vermittelnde.“

Die Initialzündung, sich politisch zu engagieren, erfolgte im Leben von Christian Schmidt 1972: starke Ideologisierung, Debatte um die Ostverträge, Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD), vorgezogene Bundestagswahl im November 1972. „Ich lernte die Junge Union als ein Austauschforum für Gleichgesinnte kennen“, so Schmidt, den es als damals 15-Jährigen stark beeindruckte, wie der heimische CSU-Bundestagskandidat Carl-Dieter Spranger seine Kritik an der Missachtung der Menschenrechte in Chile ernst nahm und ihm einen Brief mit Unterlagen zu diesem Thema zuschickte: „Die Tatsache, auch als junger Mensch so ernst genommen zu werden, brachte mich zum JU-Beitritt.“ Zu seiner ersten Kandidatur als Vorsitzender des neugegründeten JU-Ortsverbandes musste Schmidt noch gedrängt werden, doch spätestens bei seiner Wahl in den Gemeinderat 1978 hatte er, inzwischen Jura-Student, „Spaß“ an politischer Verantwortung gefunden. So viel, dass er sich 1980 zu einer Kampfkandidatur um den Kreisvorsitz der Jungen Union bewarb - „gegen eine als unschlagbar geltende Truppe.“ Schmidt setzte sich durch. Noch wichtiger für seine weitere politische Laufbahn war jedoch bald darauf die Wahl zum Bezirksvorsitzenden der JU Mittelfranken, ein im Verband wichtiges Amt, das er rund zehn Jahre ausüben sollte: „Das war der Sprung, mit dem ich mich für die Politik entschieden hatte.“ Im Landesausschuss der Jungen Union Bayern wurden Weggefährten wie die späteren Minister Peter Ramsauer und Joachim Herrmann seine Freunde. Als es 1987 um die Frage ging, wer neuer JU-Landesvorsitzender werden sollte, galt Schmidt, mittlerweile als Rechtsanwalt zugelassen, neben dem schwäbischen JU-Bezirksvorsitzenden Gerd Müller als aussichtsreicher Bewerber – und überließ diesem am Ende die Kandidatur. So zog Landeschef Müller 1989 auch ins Europäische Parlament ein, Schmidt hingegen hatte mit Listenplatz 11 zunächst das Nachsehen.

Doch die Geschichte blieb nicht stehen: Der Fall der Mauer 1989 brachte für Deutschland die unerwartet schnelle Wiedervereinigung. Der Tod des langjährigen Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß kurz zuvor bedeutete für die CSU eine neue Ausrichtung. Schmidt beschreibt die Zeit damals so: „Wir Jüngeren wollten die verdienten Altvorderen der Nachkriegsgeneration ablösen. Ihr Politikstil war lange Jahre erfolgreich gewesen, doch nun brach eine neue Zeit an.“ Das Idol der Nachwuchspolitiker war der neue CSU-Vorsitzende Theo Waigel. Bei der ersten gesamtdeutschen Wahl 1990 wurde Schmidt als Nachfolger des früheren Bundesverkehrsministers Werner Dollinger in den Bundestag gewählt. Waigel war es auch, der dafür sorgte, dass der Parlamentsneuling bereits im Jahr darauf Vorsitzender des Arbeitskreises für Auswärtiges, Verteidigung und Europa der CSU-Landesgruppe wurde. „Das galt im Vorfeld als absolut unmöglich, aber Waigel wollte uns Jüngere integrieren“, so Schmidt. In den folgenden Jahren profilierte er sich als Außen- und Sicherheitspolitiker und wurde 2002 verteidigungspolitischer Sprecher der Unionfraktion. „Die Bundeswehr muss auch in Hindelang dürfen, was sie am Hindukusch darf“, lautete eine seiner Spitzen als Gegenspieler des damaligen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD). Die Frankfurter Rundschau schrieb unlängst, vielleicht habe man vor zehn Jahren besser auf Schmidt als auf Struck hören sollen. Nach der Bundestagswahl rückte Schmidt dann selber ins Bundesministerium der Verteidigung ein – als Parlamentarischer Staatssekretär unter den Ministern Jung, zu Guttenberg und de Maizière. „Völlig unterschiedlich“ nennt er seine drei Dienstherren, unter denen er bis Ende 2013 zum dienstältesten Politiker avancierte, der jemals in diesem schwierigen Haus Verantwortung trug. „Ich habe mich mit dieser Aufgabe ungemein identifiziert und sie acht Jahre lang mit Volldampf ausgeübt. Wenn man auf einer Fregatte aus 25.000 Tonnen Stahl steht, spürt man die Verantwortung, wenn wir Politiker Soldaten in lebensgefährliche Einsätze schicken.“ Nachdem Schmidt 2011 als möglicher neuer Vorsitzender der CSU-Landesgruppe gehandelt wurde, galt er zwei Jahre später als Kandidat für das Amt des Entwicklungsministers. Stattdessen betrat er, inzwischen zum CSU-Vizechef aufgestiegen, dieses Haus jedoch als Parlamentarischer Staatssekretär – unter dem neuen Bundesminister Gerd Müller. „Ich habe das Verteidigungsministerium auf eigenen Wunsch verlassen. Ich wollte etwas Neues wagen. Dennoch ist mir dieser Wechsel nicht leicht gefallen“, gibt er unumwunden zu. „Ich musste erst einmal meinen Platz finden.“

Als der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer Schmidt im Februar die Nachfolge des zurückgetretenen Landwirtschaftsministers Hans-Peter Friedrich antrug, müsste die Genugtuung von Schmidt groß gewesen sein. Er verneint: „Da bin ich Opfer meines fränkisch-protestantischen Gefühlslebens – statt zu jubeln hatte ich eher Respekt vor dieser Aufgabe.“ Erneut verwendet er das Wort, das ihn seit Kindertagen prägte: Pflichterfüllung. Er versuche, seinem Auftrag durch Kenntnisreichtum und kurze Nächte gerecht zu werden. Sein Ressort beschreibt er als „Lebensministerium“, das existenzielle und elementare Fragen der Gesellschaft behandle. Dass er stolz ist, erstmals Verantwortung im Bundeskabinett zu tragen und Behördenvorgänge mit grüner Ministertinte abzuzeichnen, merkt man Schmidt jedoch an. Die Emanzipation von den Konventionen seiner Jugend schimmert hindurch.

Kurzvita Christian Schmidt MdB

Geb. am 26. August 1957 in Obernzenn; ev.-luth., verheiratet, zwei Kinder. 1976 Abitur, 1976/77 Wehrdienst, 1977/82 Jurastudium, 1982 erstes und 1985 zweites Juristisches Staatsexamen, ab 1985 Rechtsanwalt. 1973 Eintritt in die Junge Union und 1976 in die CSU, 1980/82 JU-Kreisvorsitzender, 1982/91 Bezirksvorsitzender JU Mittelfranken, 1984/90 Gemeinderat in Obernzenn, 1984/90 Kreisrat im Landkreis Neustadt a.d. Aisch-Bad Windsheim, 1999/09 Vorsitzender des CSU-Kreisverbandes Fürth-Stadt, seit 2004 Landesvorsitzender des Arbeitskreises Außen- und Sicherheitspolitik der CSU, seit 2010 Landesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CSU (EAK), seit 2011 stellv. Bundesvorsitzender des EAK und stellv. Parteivorsitzender der CSU. Seit 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages, 2002/05 Verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, 2005/13 Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung und 2013/14 beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Seit Februar 2014 Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft.

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