Wähle deinen Beitrag:     Euro  

Die „Informationen der Jungen Union“ waren der Vorläufer der ENTSCHEIDUNG. Einer ihrer Macher erinnerte sich, kurz vor seinem überraschenden Ableben, in einem exklusiven Beitrag für die Jubiläumsausgabe an die Anfänge unseres Magazins – und an eine folgenreiche Begegnung…

Wer die Headline „Die Mörder sind unter uns“ geprägt hat, weiß ich nicht mehr. Mir hat sie sich allerdings eingeprägt und ich habe sie bis heute nicht vergessen. Unser Magazin erhielt durch diese Überschrift auf ihrer ersten Seite eine ganz neue Bedeutung.

Unser Blatt war nicht nur Mitteilungsblatt der Jungen Union Hamburg, sondern setzte sich für die Belange der, wie wir heute sagen, „Ärmsten der Armen“ in Hamburg ein – öffentlich und ohne Schonung der Besatzungsmächte und der von ihr eingesetzten Beamten. Das galt etwa beim Thema Zuzug nach Hamburg: Die Stadt hatte sich abgekapselt gegenüber Deutschland. Sie wollte erst ihre Kriegswunden beseitigen. Aber uns, den Sprechern der Jungen Union reichte das nicht. Wir fühlten uns als Anwälte der Bürger, in diesem Fall derjenigen, die nach Hamburg zuziehen wollten. Und wir nannten darum diejenigen, die diesen Zuzug verhinderten oder keine Ausnahmegenehmigung erteilten, Mörder. Wir stellten mehrere Fälle vor, in denen selbst Kinder nicht nach Hamburg zuziehen durften und in Flüchtlingslagern außerhalb des Stadtgebietes ein mehr als armseliges Leben fristen mussten.

Wir nahmen weder Rücksicht auf die englischen Besatzungsmächte noch auf den Ersten Bürgermeister, der zwar von der CDU gestellt wurde, aber in allen entscheidenden Fragen von den Besatzungsmächten beeinflusst war. Doch die Engländer rührten sich überhaupt nicht, im Gegenteil: Ich wurde plötzlich eingeladen in den englischen Club zu Gesprächen und Diskussionen. Und ich ging natürlich gerne hin, denn es gab vor allen Dingen ein vernünftiges Abendessen. Und wir konnten als Nebenerfolg verbuchen, dass wir plötzlich die höheren Offiziere der Besatzungsmächte persönlich kannten, mit ihren Telefonnummern.

Ich weiß nicht mehr, wie vielen Familien kurz nach Erscheinen dieser Überschrift es ermöglicht wurde, nach Hamburg zuzuziehen, sich dort eine Wohnung zu beschaffen und einen Arbeitsplatz zu finden, ein neues Leben zu beginnen nach Flucht und Vertreibung. Einige waren dabei, die nationalsozialistische Todeslager überlebt hatten. Jeder einzelne Fall ging den Redakteuren unseres Blattes unter die Haut.

Noch mehr Aufsehen als diese Überschrift brachte die „Karawane des Unsinns“, über die wir berichteten. Eines Tages erlebte Hamburg eine Invasion von Dienstwagen voller Beamter und halbwegs „Prominenter“. Sie kamen zur Besichtigung eines britischen Ernährungsprojekts für Hamburg. Es sollten größere Grünflächen im Umkreis von Hamburg urbar gemacht werden. Dazu hatte man Traktoren und Pflüge besorgt. Als man anfangen wollte, stellten die Macher fest, dass man für die Traktoren gar keinen Treibstoff hatte. Die Briten fuhren damals kaum Dieselkraftstoff, also konnten sie nicht aushelfen. Die deutschen Beamten aus Kiel, Hannover und anderen Städten stoben auseinander. Die Traktoren blieben weiter stehen.

Als ich das recherchiert hatte, beschlossen wir sofort, das massiv zu veröffentlichen. Unsere Darstellung war für jeden verständlich. Wir rechneten aus, wie viel Benzin die PKWs verbraucht hatten, um nach Hamburg zu fahren. Und diese Menge Benzin rechneten wir dann um auf Dieselkraftstoff, der auf dem schwarzen Markt zu bekommen war. Und wir stellten fest: Man hätte vier Wochen pflügen und noch viel mehr Grasland umbrechen können.

Wir erhielten für unsere Aktion nicht sehr viel öffentlichen Beifall, aber die Zahl der Mitglieder der Jungen Union stieg ruckartig an. Innerhalb der Partei konnten wir jetzt sichtbar unsere Anliegen viel schneller und besser durchbringen. Wir hatten uns ja für alle Hamburger eingesetzt und nicht nur für die Parteimitglieder. Bei dieser Linie des Blattes blieben wir. Wir haben für die Belange der normalen Hamburger veröffentlicht.

Veranstaltungen der Partei waren plötzlich gut besucht. Wir bekamen sogar die einzigen nach dem Krieg noch erhaltenen Säle in Hamburg voll. Eine Kundgebung ist mir besonders in Erinnerung. Es waren etwa 1000 Besucher in einem noch sehr kahlen und unaufgeräumten Saal. […] Bei dieser Rede-Veranstaltung, ich sprach als Letzter, lernte ich Konrad Adenauer kennen. Er war mit einer von uns besorgten britischen Fahrkarte mit der Eisenbahn von Rhöndorf nach Hamburg gefahren und saß nun in der ersten Reihe. Und da noch mehrere alte Herren Platz genommen hatten, packte mich so etwas wie eine christliche Wut. Ich schloss meine Rede mit dem Aufruf, man möge Churchill folgen, dringend und sofort: Mit den alten Parteifreunden könnte man nicht mehr viel anfangen. Die Jungen müssten heran. Churchill hatte nach seiner Rede in der Schweiz dazu aufgerufen, dass die Sechzigjährigen von der Brücke müssten. Sie würden es nicht mehr schaffen, Deutschland allein aus dem Sumpf herauszuziehen.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

Dein Kontakt zu Paul:
paul@junge-union.de
030 / 278 787 15

Dein Kontakt zur Bundesgeschäftsstelle:
ju@junge-union.de
030 / 278 787 0