Die Rolle der jungen Generation, Wahlkampf, Europa - die Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel im Interview mit ENTSCHEIDUNG.

Die Fragen stellten Moritz Mihm und Nathanael Liminski.

Frau Bundeskanzlerin, die Junge Union wird in diesem Jahr 70 Jahre alt. Als Sie 1990 CDU-Mitglied wurden, waren Sie schon nicht mehr im JU-Alter. Können Sie sich trotzdem noch an Ihren ersten Kontakt mit der Jungen Union erinnern?

Ich erinnere mich an die ungeheure Unterstützung im Vorfeld der Wahlen zur Volkskammer 1990 und zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl. Die Junge Union hat – wie auch die CDU – immer am Ziel der Einheit Deutschlands festgehalten. Und als sich die historische Chance bot, dieses Ziel zu verwirklichen, hat sie diesen Worten auch Taten folgen lassen und mit angepackt. Das hat sofort das Gefühl vermittelt, zusammenzugehören. Dafür bin ich bis heute dankbar.

Sie haben während Ihrer Zeit in der CDU fünf JU-Bundesvorsitzende miterlebt: Hermann Gröhe, Klaus Escher, Hildegard Müller, Philipp Mißfelder und Paul Ziemiak. Welche Erinnerungen oder Erlebnisse verknüpfen Sie mit Ihnen?
Allein die Auflistung der Namen zeigt ja schon, was für eine Talentschmiede die Junge Union ist – nicht nur für eine Betätigung in der Politik. Sie alle sind politisch natürlich immer auch Kinder ihrer Zeit. Die Einheit Deutschlands, die Herausforderungen des demografischen Wandels mit allen Fragen zur Gesundheits- und Rentenpolitik, der Umzug von Bonn nach Berlin, die Zukunft Europas – das prägt natürlich eine Amtszeit. Über mangelhafte Aufmerksamkeit für ihre Belange konnte sich die junge Generation jedenfalls selten beklagen.

Der Tod von Philipp Mißfelder war sicherlich der traurigste Moment in der Geschichte der Jungen Union. Sein Tod erfuhr eine große Anteilnahme, in Deutschland, aber gerade auch international. Was machte die Person Philipp Mißfelder Ihrer Meinung nach aus?
Der Tod von Philipp Mißfelder hat uns alle tief bestürzt. Doch trotz seines viel zu kurzen Lebens hat Philipp Mißfelder tiefe Spuren hinterlassen – nicht nur bei der Jungen Union. Mich haben immer sein Tatendrang und der ungeheure Schwung beeindruckt, mit denen er sich seinen Aufgaben gestellt hat. In besonderer Erinnerung bleibt mir das deutsch-französische Freundschaftstreffen 2009 in Berlin gemeinsam mit dem damaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Dass sein Engagement weiterhin wirkt, zeigt auch das zu seinem Gedenken ins Leben gerufene Projekt eines „Philipp-Mißfelder-Waldes“ in Israel. Das drückt unsere Dankbarkeit aus, ihn in unseren Reihen gewusst zu haben.

Die JU gilt ja auch als Stachel im Fleisch der Unionsfamilie. Wann haben Sie sich denn das letzte Mal richtig über die JU geärgert?
Gerade für eine Jugendorganisation gehört es ja zur Aufgabenbeschreibung, eigene Akzente zu setzen. Dass die JU dazu in der Lage ist, stellt sie auf jedem CDU-Parteitag unter Beweis. Aber CDU und JU eint, dass sie das Verbindende über das Trennende stellen. Wir suchen Gemeinsamkeiten und finden Kompromisse.

Und wann haben Sie sich über die JU das letzte Mal richtig gefreut?
Auch in diesem Jahr ist mir bei den Wahlkampfterminen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in NRW wieder aufgefallen, wie engagiert und tatkräftig die JUlerinnen und JUler bei jeder Gelegenheit anpacken. Gerade im Haustürwahlkampf sind die Mitglieder der JU unersetzlich. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich Mitglieder der Jungen Union treffe, die selbst kandidieren – vom Stadtrat bis zum Europaparlament.

In diesem Jahr steht die Bundestagswahl an. Junge Union und CDU haben in diesem Wahlkampf erstmals mit connect17 eine gemeinsame Mobilisierungseinheit gegründet. Was erwarten Sie in den kommenden Monaten von der Jungen Union?
Das direkte Gespräch mit den Wählerinnen und Wählern wird in diesem Wahlkampf besonders wichtig. Deswegen freue ich mich, dass die JU gemeinsam mit der CDU die connect17-Kampagne trägt. Die Mannschaftsstärke ist ein wichtiger Faktor und mit connect17 können wir unsere Unterstützer bestens mobilisieren und motivieren. Ebenso wichtig ist aber auch die inhaltliche Mitarbeit an unserem Regierungsprogramm. Für die Belange der jungen Generation erwarte ich von der JU wichtige Impulse.

Es liegen durchaus schwierige Monate hinter der Unionsfamilie. Die Differenzen zwischen CDU und CSU sind mittlerweile aber größtenteils ausgeräumt. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit der Unionsschwestern vor der Bundestagswahl – und was kann die JU zum Miteinander beitragen?
Die enge Zusammenarbeit von CDU und CSU ist für die Union entscheidend. Dafür stehen zum Beispiel unsere gemeinsamen Deutschlandkongresse. Diese sind jetzt die Grundlage für die Erarbeitung unseres Regierungsprogramms. Die Junge Union und unsere weiteren gemeinsamen Vereinigungen und Sonderorganisationen sind für diese Zusammenarbeit ein wichtiges Bindeglied. Das gilt auch für die handelnden Personen. Wer in jungen Jahren in der JU mitgewirkt hat, trifft auch später immer wieder ehemalige Mitstreiter. Das hilft bei der Zusammenarbeit und davon profitiert die gesamte Unionsfamilie.

Martin Schulz gilt als der neue Messias der SPD. Klare Positionen scheinen aber nicht seine Sache zu sein. Seine Reden prägen viele Plattitüden. Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden Sie im Wahlkampf setzen?

Wir können mit Selbstbewusstsein sagen, dass es Deutschland so gut geht wie lange nicht. Niedrige Arbeitslosigkeit, stabiles Wachstum und solide Finanzen sind das Ergebnis christdemokratischer und christsozialer Politik in den letzten Jahren. Aber wir müssen vor allem nach vorne blicken, nicht zurück wie es die SPD immer noch tut, weil sie mit den Erfolgen der Agenda 2010 unablässig hadert. Wir müssen heute die Weichen dafür stellen, dass Deutschland auch morgen gut dasteht. Nicht nur ans Verteilen denken, auch ans Erwirtschaften. Die Chancen der Digitalisierung in den Blick nehmen. Innovationen fördern. Familien mit Kindern stärken und entlasten. Und für Sicherheit im Land sorgen – nicht nur für innere und äußere, sondern auch für soziale Sicherheit. Das sind die Themen, die über die Zukunft unseres Landes entscheiden.

Was hätte Deutschland zu erwarten, wenn ein rot-rot-grünes Bündnis die Regierungsgeschäfte übernehmen würde?
Rot-Rot-Grün würde wesentliche Dinge in Frage stellen, die seit Jahrzehnten dafür gesorgt haben, dass es Deutschland gut geht: den Kern der Sozialen Marktwirtschaft, die NATO und die transatlantische Partnerschaft, die Stabilitätsunion des Euro. Damit wäre kein Staat zu machen

Auf dem vergangenen Deutschlandtag in Paderborn haben Sie davon gesprochen, dass ein Marshall-Plan für Afrika benötigt würde, auch um Fluchtursachen zu bekämpfen. Inzwischen haben Sie – zusammen mit Entwicklungsminister Müller – einen entsprechenden Plan vorgelegt. Warum ist diese Politik für Deutschland wichtig?
Bis 2050 wird sich die Bevölkerung in Afrika nahezu verdoppeln. Die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent brauchen dringend eigene Entwicklungschancen. Es liegt in unser aller Interesse, vor Ort mehr Rechtsstaatlichkeit, Investitionen und Wachstum zu ermöglichen. Dafür setzen wir uns auch im Rahmen unserer G20-Präsidentschaft ein.

Sie haben in diesem Zusammenhang auch zu mehr Einsatz der jungen Generation aufgerufen. Auf welchen Feldern wünschen Sie sich mehr politisches Engagement?
Ich erlebe eine große Neugier und den Wunsch sich einzubringen in den unterschiedlichsten Bereichen; in Parteien, im Verein, in der Flüchtlingshilfe, im THW, bei der Feuerwehr. Das Zusammenführen unterschiedlicher Interessen hat die Union in ihrer Vielfalt immer stark gemacht. Das wünsche ich mir auch für die Zukunft – für die junge Generation und für die CDU.

Die Europäische Union hat vor wenigen Wochen das 60. Jubiläum der Römischen Verträge gefeiert. Gegenwärtig wird die EU aber vor allem von Krisen heimgesucht. Die Briten haben mittlerweile ihren Austritt beantragt. Was müssen wir – gerade die junge Generation – tun, damit Europa auch künftig eine Einheit bleibt?
Frieden und ein gutes Miteinander in Europa sind keine Selbstverständlichkeiten. Natürlich müssen wir immer wieder hinterfragen, was man in Europa verbessern kann. Die EU muss sich mehr um die großen Aufgaben kümmern – den Binnenmarkt, den Euro und die Außengrenzen. Aber richtig und wichtig bleibt: Europa ist das große Glück unserer Zeit! Wir Deutschen leben mit allen unseren Nachbarn in Frieden. Wir sind Teil des größten Binnenmarktes der Welt. Das zu erhalten – dafür lohnt sich jeder Einsatz! Diesen Geist in die Zukunft zu tragen, das ist heute die Aufgabe der jungen Generation.

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