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Als ich vor 53 Jahren in die Junge Union eintrat, war Deutschland ein geteiltes Land, die Bundesrepublik erlebte ein Wirtschaftswunder, die Industrie begrüßte einen Portugiesen als millionsten „Gastarbeiter“ und der Deutsche Bundestag – natürlich noch in Bonn – debattierte über Verjährungsfristen für NS-Verbrechen. Die DDR-Regierung erlaubte erstmals seit dem Mauerbau Rentnern Besuche im Westen, Martin Luther King wurde mit dem Friedensnobelpreis geehrt – und mich begeisterten die Beatles, die gerade mit „A hard day´s night“ beachtliche Erfolge feierten.

Die Beatles traten längst nicht mehr auf, als ich 1980 zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag einzog – auch das ist für Mitglieder der Jungen Union heute mutmaßlich unvorstellbar lange her. Nicht auszudenken war damals, dass ich eines Tages auf 37 Jahre als Abgeordneter würde zurückblicken können. Und Wetten darauf, dass mir einmal – und dann sogar mehrfach – das Amt des Bundestags¬präsidenten anvertraut werden würde, wäre damals auch niemand eingegangen – mich selbst eingeschlossen. Anfang der 80er Jahre hatte die damalige Koalition aus CDU und FDP angesichts der Flick-Affaire um nicht versteuerte Parteispenden den Versuch unternommen, eine gesetzliche Amnestie für dieses Vergehen durchzusetzen. Wie vielen meiner damals langgedienten Fraktionskollegen missfiel auch mir das Vorhaben; wir befürchteten, das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik insgesamt würde schwinden. Was allerdings tatsächlich augenblicklich schwand, war das Zutrauen von Helmut Kohl in meine Person: Denn am Ende der entscheidenden Fraktionssitzung war ich der Einzige, der erklärte, gegen das im Übrigen in überfallartiger Geschwin¬digkeit vorgelegte Amnestie¬gesetz zu stimmen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ billigte mir damals zu, „mit Courage und guten Argumenten“ mein „einsames Nein" erläutert zu haben, aber das war es eben auch: ein „einsames Nein“. Das Vorhaben scheiterte schließlich am massiven Widerstand der Öffentlichkeit. Für mich war es keine besonders gemütliche Situation – auch wenn sie mir auf lange Sicht betrachtet offensichtlich nicht geschadet hat.

Die Erfahrung des „einsamen Nein“ möchte ich im Übrigen ebenso wenig missen wie die zweifellos angenehmere des „vielstimmigen Ja“ – gerade wenn dieses am Ende eines Aushandlungsprozesses von Argumenten steht. Als Bundestags¬präsident über den ordnungsgemäßen Ablauf demokratischer Entscheidungs- und Mehrheitsfindung wachen zu dürfen, scheint mir auch nach zwölf Jahren im Amt eine der ehren- und anspruchsvollsten politischen Aufgaben. Ich erfülle sie gern bis zum Ende dieser Legislaturperiode und gehe gelassen in das erfreulicherweise für mich durchaus vorstellbare, wenn nicht gar verlockende Leben ohne Parlament – oder, um es mit den Beatles zu sagen: „I feel alright“.

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