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Guten Morgen Herr Bremer, wie lebt es sich in einem Land, in dem nach demokratischen Wahlen keine Regierung gebildet werden kann? Ist Italien nicht regierbar?

Das Wahlgesetz stärkt schwache Gewinner und die Verfassung lässt einem Ministerpräsidenten zu wenig Macht. Aber es lebt sich wunderbar in Italien, denn Wahlkämpfe und Regierungen dienen der Unterhaltung einer individualistisch gesonnenen Bevölkerung – bis zum bösen Erwachen bald.

Konnte man das bei den Feierlichkeiten zum Osterfest auch erleben?

Bei aller Liebe zum Papst: Man musste sich halt umstellen. Weniger Gold, kein Thron bei der Ostermesse – womöglich sollten manche Politiker der alten Kaste nun doch aufs Fahrrad umsteigen und ein Schreihals wie Beppe Grillo Bescheidenheit und Demut lernen.

Der kleine Vatikanstaat im Herzen der Stadt hingegen hatte wenige Wochen nach dem Amtsverzicht von Benedikt XVI. wieder ein neues Staatsoberhaupt. Gehört der neue Papst in Rom schon zur Routine?

Die Italiener haben Benedikt geliebt und ungern von ihm Abschied genommen. Nun lieben sie Franziskus. Der predigt von Barmherzigkeit, Armut und fordert mehr Mut zur Zärtlichkeit. Davon haben die Italiener viel, aber von einem Papst hat man dergleichen lange nicht gehört. Weil Franziskus sich auch und vor allem als „Bischof von Rom“ begreift, fühlen sich die Römer angepackt.

Franziskus verbindet mit seinem Stil eine Botschaft. Kommt die denn auch an?

Die Botschaft in seinen Predigten, seine Theologie erinnert an Benedikt: nur eine entweltlichte Kirche kann in der Welt Menschen zu Gott zurückführen. Wie Christus leben, wie Franz von Asissi – das kommt an, wird aber ungern befolgt.

Wie sind die Reaktionen auf Botschaft und Stil des neuen Papstes im Vatikan selbst?

Ein paar alte Säcke sind vielleicht nach dem Schock in psychoanalytischer Beratung. Die Jungen wollen loslegen. BXVI hatte Vatileaks aufgedeckt, Franziskus kann nun den letzten Schatten davon wegräumen. Frühlingsluft.

Gibt es also zwischen Benedikt und Franziskus mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede?

Dieselbe Theologie, ein anderer Stil: Deutscher Professor liebt seine Bücher, südamerikanischer Pastor möchte „riechen wie seine Herde“ – aber Beide stellen dieselbe Frage wie Luther: Was würde Christus an meiner Stelle tun?

Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben!

Gerne, Herr Liminski!

Über Jörg Bremer:

Jörg Bremer, Jahrgang 1952, ab 1972 erste journalistische Tätigkeiten bei Mitarbeit an der Jugendseite der „Badischen Zeitung“. Nach dem Studium der Geschichte, der deutschen Literatur und des öffentlichen Rechts in Freiburg und Heidelberg Hospitanz beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. 1977 Promotion über die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) von 1933 bis 1945 im Untergrund und im Exil, anschließend Forschungsreferent an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. 1978 Research Fellow an der Fletcher School of Law and Diplomacy in Somerville, Boston, USA. Ab Juli 1978 Mitglied der politischen Nachrichtenredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von August 1981 bis August 1986 Korrespondent in Warschau; danach bis 1991 Berichterstatter aus Niedersachsen. Anschließend Korrespondent für Israel und die palästinensischen Gebiete bis 2009 in Jerusalem. Seit Juli 2009 als Korrespondent für Italien und den Vatikan in Rom. Bremer ist verheiratet und ist Vater von drei Kindern.

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