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Bei der Landtagswahl am 14. September stellen sich Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht und die seit 24 Jahren regierende Thüringer CDU zur Wiederwahl.


„Der Sinn von Politik ist Freiheit“, zitiert Christine Lieberknecht einen Satz von Hannah Arendt. Ihre Jugend verbrachte die Regierungschefin jedoch in Unfreiheit: „Ich bin in einem Landpfarrhaus aufgewachsen - vor den Toren Weimars, aber hinter dem Eisernen Vorhang“, so Lieberknecht über ihre Kindheit im beschaulichen Dorf Leutenthal. Ihr Vater war evangelisch-lutherischer Pfarrer und ermöglichte der Familie somit ein Leben „nicht im Sinne der DDR-Doktrin, sondern in einer Nische“, wie sich die heute 56-Jährige erinnert. Lieberknecht und ihre drei Geschwister mussten nicht Mitglied der staatstreuen Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ werden und auch nicht an der Jugendweihe teilnehmen. „Ulbricht und die SED-Garde hatten bei uns zuhause keinen guten Ruf.“ 1968 bekam die Familie ihren ersten Fernseher - „rechtzeitig zum Prager Frühling“. So sah die zehnjährige Pfarrerstochter in der ARD, wie die sowjetischen Panzer durch Prag rollten. „Pfarrer und Bauern auf dem Land schauten Westfernsehen, die Staatsnahen nicht.“ Dennoch entschied sich Lieberknecht damals, neben ihrer Mitarbeit in der evangelischen Pfarrjugend auch Mitglied des sozialistischen Jugendverbandes FDJ zu werden: „Ich war ein Gruppenmensch und wollte etwas mit den Gleichaltrigen unternehmen.“

Nach ihrem Abitur 1976 entschied sich Lieberknecht für ein Studium der Theologie in Jena. Schon wenige Wochen nach dessen Start demonstrierte sie mit Kommilitonen, darunter dem heutigen Stasi- Unterlagen-Beauftragen Roland Jahn, gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Ihre kritische Sicht auf das DDR-System verschärfte sich. Dennoch entschied sie sich nach ihrer Hochzeit, als sie ihrem Mann zu dessen Vikar-Stelle nach Ramsla folgte, wo die beiden bis heute leben, zum Eintritt in die sogenannte „Blockpartei“ CDU. „Die Ost-CDU war damals gleichgeschaltet, ihr Vorsitzender Gerald Götting SEDhörig“, so Lieberknecht, die von Kirchenvertretern als junges Parteimitglied geworben wurde. „Aber auf dem Land waren grundsolide und konservativ eingestellte Leute in der CDU.“ Als Michail Gorbatschow Mitte der 1980er Jahre Glasnost und Perestroika ausrief und in Polen die Gewerkschaft Solidarnosc stärker wurde, dachte Lieberknecht, inzwischen Pastorin im Kirchenkreis Weimar, über einen Parteiaustritt nach. „Wir merkten, dass sich etwas am Status Quo der DDR veränderte, und hatten einen Drang nach Freiheit.“ Doch als sich 1989 Reformgruppierungen wie das Neue Forum oder der Demokratische Aufbruch bildeten, entschloss sich Lieberknecht mit Parteifreunden, für Veränderungen innerhalb ihrer Partei zu kämpfen. Nach der „nachweislich gefälschten Kommunalwahl“ war sie eine von vier Unterzeichnern des „Briefes aus Weimar“, der sich an die über 200 Kreisvorstände der Ost-DDR sowie die höheren Gremien richtete und in dem die Aufkündigung des Bündnisses mit der SED verlangt wurde. „Wir bekamen viele Rückmeldungen“, so Lieberknecht, „auch aus westdeutschen Landesverbänden.“ Es waren die Wochen, in denen noch nicht absehbar war, ob der Wille zur Veränderung in der DDR-Bevölkerung friedlich Ausdruck finden konnte. „Bis in den Oktober hinein hatten wir Angst. Bei Versammlungen versuchten bewaffnete Stasi-Einheiten mit furchterregenden Hunden, uns einzuschüchtern.“ Im Laufe des Oktobers veränderte sich die Wahrnehmung der Bedrohung: „Nachdem bei den großen Demonstrationen in Leipzig keine Panzer gegen die Demonstranten rollten, verloren wir die Angst.“ Ab diesem Zeitpunkt sei kaum noch Schritt mit den sich überstürzenden Ereignissen zu halten gewesen. „Wir wussten jedoch nicht, dass die Mauer bald fallen würde, sondern setzten auf Veränderungen im Inneren der DDR.“

Am 9. November 1989 gehörte Lieberknecht im Kellergewölbe des Französischen Doms in Berlin zu den Mitbegründern der Christlich-Demokratischen Jugend (CDJ), die im Jahr darauf der Jungen Union Deutschlands beitreten sollte. „Man spürte den Aufbruch“, erinnert sie sich, „das war eine unbeschreibliche Atmosphäre.“ Als sie spätabends den Dom verließ, gab es erste Gerüchte, die Grenzübergänge würden geöffnet. „Aber ich musste mit dem Zug heimfahren, weil ich meine Kinder nicht im Stich lassen konnte.“ Am heimischen Bahnhof wurde sie von ihrem Ehemann erwartet: „Die Mauer ist gefallen.“ Auf einem Sonderparteitag der Ost-CDU Mitte Dezember 1989 setzten sich die Reformer gegen die alten Kräfte durch, Lieberknecht wurde in den neuen Parteivorstand gewählt. Im Monat darauf wurde sie stellvertretende Vorsitzende des wiedergegründeten CDU-Landesverbandes Thüringen. „Zum damaligen Zeitpunkt wollte ich jedoch kein politisches Hauptamt erlangen – ich war ja Pastorin.“ Doch spätestens nach dem CDU-Erfolg bei der ersten freien Landtagswahl in Thüringen im Oktober 1990 wurde klar, dass ihre Rückkehr ins Pfarramt zunächst ausbleiben sollte: Lieberknecht wurde Kultusministerin – und einziges weibliches Mitglied des Landeskabinetts. „Mit 32 Jahren war ich damals in einem Alter, in dem andere noch im Referendariat sind.“ Stattdessen war die junge Ministerin nun dafür zuständig, ein neues Bildungssystem einzuführen. Nach Stasi-Vorwürfen gegen den damaligen Ministerpräsidenten Josef Duchač trat Lieberknecht Anfang 1992 aus Protest von ihrem Ministeramt zurück und gehörte dem Kabinett des neuen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel bis 1999 als Bundesrats- bzw. Europaministerin an. Nach neun Jahren im Landeskabinett wurde sie zur Präsidentin des Thüringer Landtages gewählt, 2004 dann zur Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion: „Unsere Regierungsmehrheit betrug genau eine Stimme - da war es meine Aufgabe, die Truppe zusammenzuhalten.“

Das Jahr 2009 wurde zum Jahr der Bewährung für die Thüringer Union: Der zu Beginn des Jahres bei einem Skiunfall schwer verletzte Ministerpräsident Dieter Althaus trat wenige Tage nach der Landtagswahl im August zurück – die CDU war um 12 Prozentpunkte abgestürzt. „Die drohende Opposition war für uns damals sehr real“, so die damalige Sozialministerin Lieberknecht, die bald darauf von Althaus‘ Stellvertreterin Birgit Diezel gebeten wurde, das Ruder zu übernehmen und eine Koalition mit der SPD zu versuchen. „Ich hatte nichts zu verlieren - es ging um eine stabile Lösung“, sagt die Frau, die im Oktober 2009 im dritten Wahlgang zur ersten Ministerpräsidentin Ostdeutschlands und der Union gewählt wurde. Wenn Lieberknecht sich nun zur Wiederwahl stellt, tut sie dies mit einem Wahlprogramm, das für „Thüringen 2020“ auf Vollbeschäftigung und solide Finanzen setzt. „Unsere Kinder sollen nicht auf Schuldenbergen spielen“, begründet sie ihr Eintreten für die Schuldenbremse und lobt dabei die enge Zusammenarbeit mit der Jungen Union Thüringen und deren Landeschef Stefan Gruhner, der auf Platz 10 der Landesliste kandidiert. Doch auch trotz solch ambitionierter Ziele bleibt Lieberknecht beim Arendtschen Freiheitsgedanken: „Ich handle nicht in dem Wahn, den Menschen alles vorschreiben zu wollen. Wir müssen den Menschen Vertrauen schenken und sie machen lassen.“

Biografie
Geboren am 07.05.1958 in Weimar, ev.-luth., verheiratet, 2 Kinder. 1976 Abitur, 1976/82 Theologiestudium in Jena. 1982 1. theol. Examen, 1982 Vikariat, 1984 2. theol. Examen. 1984/90 Pastorin im Kirchenkreis Weimar. Seit 1981 Mitglied der CDU, 1989/90 Mitglied des Parteivorstandes CDU in der DDR. 1990/92 Thüringer Kultusministerin, seit 1991 Mitglied des Landtags Thüringen, 1992/94 Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Bevollmächtigte des Freistaats Thüringen beim Bund, 1994/99 Ministerin für Bundesangelegenheiten in der Staatskanzlei und Bevollmächtigte des Freistaats Thüringen beim Bund. 1999/04 Präsidentin des Thüringer Landtags, 2004/08 Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, 2008/09 Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit. Seit Oktober 2009 Thüringer Ministerpräsidentin und Landesvorsitzende der CDU Thüringen.

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