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Entscheidung:
Herr Tiedje, Sie waren in spannenden Jahren Chefredakteur der BILD-Zeitung: Deutsche Einheit, erste gesamtdeutsche Bundestagswahl, Fußball-WM 1990, Golfkrieg. Die Zeitung hatte schon damals eine Reichweite von 12 Millionen Lesern am Tag. In welchen Situationen haben Sie in diesen Jahren am meisten ihren Einfluss auf die Meinung der Öffentlichkeit gespürt?

Tiedje:
Es war natürlich Zufall, dass ich Chefredakteur bei BILD war, als Gorbatschow und Kohl die zuvor festgefahrene Teilung unseres Landes aufgebrochen haben. Aber ich habe schon gespürt, dass wir als Journalisten damals unheimlich viel bewegen konnten. Das war zum einen erkennbar an den fast schon exponentiell wachsenden Auflagen. Wir haben damals die Auflage von knapp unter vier Millionen in nur fünf Monaten auf fünfeinhalb Millionen verkaufte Exemplare steigern können. Allein das spricht schon Bände darüber, was für ungewöhnliche Zeiten es waren. Drei Monate nach meinem Start bei BILD begann sich der Ostblock langsam selbst zu zerschreddern. Da tat sich etwas und wir haben das unterstützt. Wer damals Bild gelesen hat, wusste: Uns geht es um die Einheit. Und ich habe viele Rückmeldungen aus der Politik bekommen, die gesagt haben: „Lass nicht locker! Mach weiter!“

Entscheidung:
Handelten Sie im Bewusstsein, mit Bild ein Machtinstrument in der Hand zu haben?

Tiedje:
Von Helmut Kohl weiß ich, dass der Einsatz von BILD für die Einheit damals enormen Druck gemacht hat. Er hatte ständig die öffentliche Meinung im Rücken. Und die öffentliche Meinung bestand in Deutschland um die Zeit aus genau drei Playern. Einer war BILD, vorneweg! Dann die FAZ, und dann Rudolf Augstein gegen den Rest des Spiegel.

Entscheidung:
Würden Sie sagen, der Spiegel war gegen die Einheit?

Tiedje:
Beim Spiegel waren zwei Drittel der Redaktion gar nicht mit der Einheit befasst oder sie waren dagegen, weil sie sich eingestehen mussten: „Wir haben uns historisch geirrt“. Plötzlich hatten ja alle die gesiegt, die angeblich die großen Idioten waren, also Helmut Kohl und Axel Springer. Denjenigen, die zuvor die Weisheit mit Löffeln gefressen hatten, war mit einem Mal das Weltbild abhanden gekommen. Die Arbeit als BILD-Journalist in dieser Zeit hat enorm Spaß gemacht.

Entscheidung:
Nach vielen Jahren in den Medien haben Sie 1998 die Seiten gewechselt und sind Berater von Helmut Kohl geworden in seinem letzten Wahlkampf als Bundeskanzler. Gilt man unter Kollegen nach einem solchen Schritt als für den Journalismus verbrannt?

Tiedje:
Es gibt so zwei, drei Leute da draußen, die sich daran stören. Aber die sind mir völlig wurscht. Ich mache bis heute zwei Dinge: Zum einen führe ich eine Kommunikationsberatungsfirma und zum anderen schreibe ich regelmäßig für verschiedene Medien, etwa Bild, Neue Züricher Zeitung, Euro am Sonntag und andere. Und bald wird es Tiedje auch wieder im Fernsehen geben, und zwar zusammen mit Hajo Schumacher.

Entscheidung:
Helmut Kohl hat sich in seiner Regierungszeit immer wieder über die Darstellung seiner Politik in den Medien beklagt. In den aktuell erschienenen CDU-Bundesvorstandsprotokollen kann man manche deutliche Worte nachlesen. Hatte es Kohl besonders schwer mit den Medien?

Tiedje:
Nun, es gibt ein objektives Problem zwischen Politik und Medien in Deutschland: Nach wie vor sind etwa 80 Prozent der politischen Journalisten eher links von der Mitte, linksliberal, oder Sozi-nah. Vor diesem Hintergrund fühlte sich Helmut Kohl daher in weiten Teilen völlig zu Recht verfolgt. Es ist im Übrigen ein Irrtum, zu glauben, dass Kohl heimlich den Spiegel lesen ließ. Er interessierte ihn wirklich nicht. Ich habe es erlebt. Kohl hat das durchgehalten, weil er ein so fundamentaler Typ ist. Das schätze ich bis heute an ihm: Er ist einfach eins zu eins. Das ist wunderbar, weil nicht stromlinienförmig.

Entscheidung:
Sein Nachfolger Gerhard Schröder hat sich am Ende seiner Amtszeit in der legendären Wahlrunde 2005 bitterlich beschwert, die Medien hätten ihre Macht missbraucht und sich gegen ihn verschworen. Hat jeder amtierende deutsche Bundeskanzler die Medien gegen sich?

Tiedje:
Es gab einen, der die Medien objektiv auf seiner Seite hatte. Das war Willy Brandt. Er schwamm auf einer riesigen Medienwelle, die im Übrigen bis ins Springer-Haus hinein schwappte. In der Geschichte der Bundesrepublik stellte jedoch die Union in der längsten Zeit den Kanzler – und damit gegen die strukturell linke Mehrheit unter Journalisten. Kritischer Journalismus hieß zu Kohls Zeiten vor allem regierungskritischer Journalismus.

Entscheidung:
Schröder hat einmal gesagt: „Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze.“ Was sagt dieses Statement über die Macht von Medien aus?

Tiedje:
Mehr als über die Macht von Medien sagt es viel darüber aus, wie Gerhard Schröder denkt. Und deswegen hat Schröder über lange Zeit genau mit diesen Medien auch ein sehr gutes Verhältnis gepflegt. Das gilt im Besonderen für BILD. Schröder ignorierte schon in der zweiten Hälfte der 80er Jahre schlicht die SPD-Parteibeschlüsse, die besagten, dass man als Sozialdemokrat mit BILD nicht redet. Schröder war ein politischer Instinktmensch und das galt auch für die Medien. Der hatte ein ausgeprägtes Bauchgefühl für Kommunikation. Aber zum Schluss war er einfach ein bisschen aus der Mode gekommen. Und da waren dann natürlich die Medien schuld. Frau Merkel kann sich über die Medien indes nicht beklagen. Und Peer Steinbrück schadet der SPD momentan viel mehr als der CDU, denn die Medien, die Steinbrück vor sich her treiben, nutzen damit Frau Merkel.

Entscheidung:
Kommen wir einmal zum Grundsätzlicheren. Während die Medien in Deutschland ihren grundgesetzlichen Auftrag beschwören, klagen die Politiker darüber, dass die Medien als vierte Gewalt nicht demokratisch legitimiert seien. Was macht die Verantwortung der Medien in der freiheitlich-demokratischen Ordnung aus?

Tiedje:
Erst einmal ist festzuhalten, dass die Medien heute mehr Macht denn je haben. Das hängt zusammen mit der elektronischen Verbreitung, insbesondere durch das Internet. Wenn sie jemanden zur Strecke bringen wollen, geht das heute ganz schnell: Rufmord ohne Täter. Die medialen Rufmörder sind heute unsichtbar. Da ist Verantwortungsbewusstsein verloren gegangen. Genauso im ständigen Missbrauch von offiziellen Dokumenten durch die Justiz in Zusammenarbeit mit den Medien. Wir erleben das in der Beratung von Betroffenen: Von Verantwortung und Ordnung ist bei den uns bekannten Fällen nichts mehr zu spüren. Die viel beschworene Rolle der Medien bei den Aufständen im arabischen Raum etwa ist schlicht in der Fähigkeit begründet, schnell viele Menschen zusammen bekommen zu können. Die Reichweite und Tiefe von Medien mag sich durch das Internet erhöht haben, die Qualität hat sich in meinen Augen jedoch nicht verbessert.

Entscheidung:
Aber die Themen sind komplexer geworden, Stichwort Globalisierung oder Euro-Rettung. Eigentlich wären die Journalisten doch gerade jetzt als Erklärer gefordert oder nicht?

Tiedje:
In der Tat. Und es gibt ja auch in Deutschland ein Blatt, also mein altes Hausblatt, das ständig die harten Fakten zu Griechenland vermittelt.

Entscheidung:
Politiker und Medien – wer braucht wen mehr?

Tiedje:
Die Politik ist ohne Medien nicht vorstellbar und die Medien nicht ohne Politik. Aber da gibt es aus meiner Sicht keine schlaue Formel. Wenn Sie sich die Konstellation heute anschauen: Steinbrück hat ein Problem mit den Medien. Das hätte vor einem Jahr niemand vorhergesehen. Frau Merkel hingegen ist von den Medien weitgehend unbehelligt. Sie scheint eine ziemlich korrekte Analyse der Szene vorgenommen zu haben.

Entscheidung:
Sprechen wir über die deutsche Medienlandschaft, die in vielerlei Hinsicht besonders ist. Die deutsche Medienlandschaft weist noch eine recht breite Besitzer-Struktur auf. Wird sich das unter dem zunehmenden Konsolidierungsdruck in den nächsten Jahren verändern?

Tiedje:
In der deutschen Medienlandschaft ist festzustellen, dass ein Verlag sich von allen anderen weg entwickelt hat - das ist Springer. Springer ist als einziger Verlag – gefolgt von Burda – voll im Trend. Vorstandschef Döpfner ist ein Glücksfall für Springer. Er hat durchgesetzt, dass Springer Print quasi als Vorbereitung für einen immer breiteren Auftritt im Internet nutzt. Im selben Fahrwasser befindet sich Burda. Die meisten Regional- und Lokalverleger haben hingegen fast alle Trends verschlafen. Sie haben über Jahrzehnte hervorragend verdient, hatten mit Blick auf Lokalfernsehen, Lokalfunk und Anzeigenblätter in ihren Regionalgebieten fast ein Monopol. Denen ging es lange Zeit so gut, dass sie nicht die Notwendigkeit sahen, zu kooperieren oder sich zusammenzuschließen. Dabei wäre das der einzig realistische Ansatz gewesen. Hier wird es noch ein Blutbad geben.

Entscheidung:
Von der SPD ist ja bekannt, dass sie an vielen Zeitungen über Gesellschaften Anteile hält. Die Union hat sich oftmals auf Kirch und Springer verlassen. War das ein strategischer Fehler?

Tiedje:
Die CDU ist eine viel jüngere Partei als die SPD. Und die SPD hat nach der Wende ihr ganzes Parteivermögen aus der früheren DDR zurückerstattet gekriegt. Die CDU hatte ja im Grunde keins und das wenige der Ost-CDU hat sie nicht übernommen. Die SPD hat einen Bestand an eigenen Zeitungen, der nach wie vor im Jahr zwischen 20 und 30 Millionen Euro abwirft. Da kann man Wahlkämpfe führen. Ich persönlich bin der Meinung, dass es besser wäre – auch hygienischer -, wenn Parteien sich aus Medienbeteiligungen raushalten.

Entscheidung:
Ein Sonderfall der deutschen Medienlandschaft ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Steigert die Flut von ungefilterten, unverarbeiteten Informationen den Wert eines solchen Rundfunks, der als öffentliche Institution auf Information und politische Bildung verpflichtet ist?

Tiedje:
Ich vermisse die große Welt erklärende Auslandsberichterstattung, das war ein Markenkern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens über viele Jahre. Wenn RTL News inzwischen mit einer Hauptnachrichtensendung mehr Zuschauergunst als das ZDF erzielt, ist das ein erschütternder Befund. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich mittlerweile versteift auf ein Wettrennen um gute Formate, die oft die privaten ausprobiert haben. Aber solange die Öffentlich-Rechtlichen der Quote nachlaufen, sind sie auf einem Holzweg, weil die privaten in dieser Beziehung sehr viel cleverer, schneller, kreativer und auch bedenkenloser sind. Außerdem: Brauchen die Öffentlich-Rechtlichen wirklich so viele Sender? Doch Achtung: Sich der Kostenseite zuzuwenden, das ist beim hehren Kulturgut öffentlich-rechtliches Fernsehen offensichtlich nicht erwünscht.

Entscheidung:
Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft der Medienwelt…

Tiedje:
Ich glaube, dass die Zukunft multimedial ist. Ich glaube, dass die Zeitung eine Zukunft hat. Ich glaube, dass es Menschen geben wird in 50 Jahren, die lieber ein Buch in der Hand haben als ein Kindle. Die Tagespresse muss ein Problem in den Griff kriegen: ihre aufgezwungene Vielfalt. Wir leben noch immer in der Fiktion, dass das Volk die gesamte Zeitung kaufen soll und natürlich auch alles lesen soll. Das tut aber niemand. Das Konstrukt ist falsch. Und daran droht ein Teil der Tagespresse auch zugrunde zu gehen.

Entscheidung:
Hinzu kommt: Das Internet macht im Grunde genommen jeden zum Medienschaffenden. Damit wird die Gatekeeper-Funktion des Journalisten zur Öffentlichkeit geschwächt, wenn nicht gar abgeschafft. Was verändert das Internet im Selbstverständnis eines Journalisten?

Tiedje:
Internet ist Journalismus ohne Verantwortung. Früher konnte man sich als großer Autor etablieren. Im Internet verschwinden die großen Autoren. Der richtige große Journalismus kommt durchs Internet nicht wirklich voran. Der einzige Ansatz, der bisher im Qualitätsjournalismus funktioniert hat, ist die Huffington Post. Viele andere Dinge, auch die meisten Blogger, haben mit Journalismus herzlich wenig zu tun.

Entscheidung:
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Tiedje.

Über Hans-Hermann Tiedje

Hans-Hermann Tiedje, geboren 1949 in Schleswig, begann seine journalistische Karriere nach dem Politologie- und Jurastudium mit einem Volontariat beim Hamburger Abendblatt. Nach Stationen bei der WELT und als Chefredakteur der Illustrierten BUNTE übernahm er 1988 die Chefredaktion der BILD Zeitung. Daneben war er als TV-Redakteur und Moderator der NDR Talkshow tätig. 1998 ernannte ihn der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl zum persönlichen Berater im Bundestagswahlkampf.

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