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Wie sieht die Wirtschaft die Zukunft der dualen Ausbildung? Was muss passieren, damit aus Flüchtlingen Fachkräfte werden? Im Interview mit ENTSCHEIDUNG formuliert der Familienunternehmer Wolfgang Grupp (TRIGEMA) seine Erfahrungen und seine Erwartungen an die Politik.


ENTSCHEIDUNG: Herr Grupp, Sie beschäftigen in Ihrem Unternehmen etwa 1.200 Mitarbeiter. Wie viele Auszubildende sind darunter?

Grupp: Wir haben jedes Jahr, das schwankt, zwischen 40 und 60 Auszubildende.

ENTSCHEIDUNG: Woher kommen Ihre Auszubildenden?

Grupp: Sie müssen unsere Position sehen. Wir sind in Burladingen auf der Schwäbischen Alb. Wir haben in Burladingen viele Vorteile, aber auch Nachteile. Nach Burladingen will normal niemand, da Burladingen keine große bekannte Stadt ist. Das muss ich wissen. Also habe ich mir gesagt: Ich muss die Einheimischen, die um mich herum leben, die hier ihre Heimat haben, ausbilden. Die sind ja nicht alle dümmer, als die, die von auswärts kommen. Mein Vater hat früher nicht selten leitende Mitarbeiter von draußen geholt. Diese sind dann zwei Jahre geblieben, haben Vieles durcheinander gebracht, Millionen Verluste produziert und sind dann gegangen worden! Also habe ich gewusst: Wenn ich gute Leute haben will, muss ich hier am Standort die Einheimischen ausbilden! Denn diese schätzen ihre Heimat und bleiben hier; die Fremden bleiben meistens nur kurzfristig und wollen dann wieder zurück.

ENTSCHEIDUNG: In diesen Monaten kommen viele Hunderttausende aus der Fremde, um zu bleiben. Haben Sie unter Ihren Auszubildenden auch Flüchtlinge?

Grupp: Ja selbstverständlich. Wir haben bereits 25 bis 30 Nationalitäten. Das war schon immer so. Es fing ja schon früher an mit Italienern und Spaniern, setzte sich dann fort mit Türken, Chinesen, Russen, Pakistanern usw. Wir brauchen gute Leute. Wenn Ausländer in Ordnung sind, kein Problem. Das gilt für Flüchtlinge selbstverständlich auch.

ENTSCHEIDUNG: Bilden Sie über den Bedarf Ihres Unternehmens hinaus aus? Oder bekommen die Auszubildenden, die bei Ihnen eine Ausbildung absolvieren, so etwas wie eine Arbeitsplatzgarantie?

Grupp: Die besten kriegen bei uns immer einen Arbeitsplatz. Wenn wir aber in der Ausbildung feststellen, dass einer partout nicht will oder Probleme macht, geht es natürlich nicht. Aber wir sagen ihnen das rechtzeitig, dass sie sich anstrengen müssen, sonst bekommen sie die Chance nicht. Es kommt ganz selten vor, dass wir einen nicht übernehmen.

ENTSCHEIDUNG: Und fertig ausgebildeten Mitarbeitern stehen dann alle Positionen im Unternehmen offen? Oder gibt es eine Etage, die Studierten vorbehalten ist?

Grupp: Wir haben keine Studierten. Ich habe hier keine Akademiker außer meiner Familie. Bei mir steht jedem Lehrling jeder Arbeitsplatz theoretisch offen. Mein Finanzchef war kaufmännischer Lehrling, ist aber bereits mit 29 Jahren Prokurist und Finanzchef geworden. Mein Einkaufsleiter ist in einem ähnlichen Alter Einkaufsleiter geworden. Meine Verkaufsleiterin ist mit Mitte 30 in ihre heutige Position gekommen. Da gibt es keine Grenzen. Mich interessiert nicht der Titel oder der Grad, sondern mich interessiert die Leistung, was jemand kann.

ENTSCHEIDUNG: Das klingt ein wenig wie nach guten alten Zeiten, denn die Tendenz in der deutschen Wirtschaft und bei anderen deutschen Unternehmen ist doch eher, dass man immer stärker auf Studierte zurückgreift. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Grupp: Das liegt an der Anonymität. Auch bei uns stelle ich immer wieder fest, dass man sehr stark nach Zeugnissen entscheidet. Aber vielleicht hat jemand andere Stärken. Bevor wir in einen Engpass kommen, gebe ich auch dem, der ein schlechteres Zeugnis hat, eine Chance.

ENTSCHEIDUNG: Die Deutschen werden im Ausland für ihr duales Ausbildungssystem beneidet. Gleichzeitig kritisiert die OECD die zu geringe Akademikerquote in Deutschland. Wie bewerten Sie eine so verquere politische Diskussion?

Grupp: Ob ich zwei Doktortitel habe oder nicht, das interessiert keinen Menschen. Wichtig ist, wie ich die Firma führe. Das Wirtschaftswunder ist geschaffen worden von lauter haftenden Unternehmern, die Verantwortung trugen, und die mit Volksschulbildung viele unserer heutigen Großunternehmen gegründet haben. Auch heute gilt: Sie brauchen keinen Doktortitel oder ein akademisches Studium, um eine Firma zu führen. Wer zu mir an den Schreibtisch kommt mit einem Problem, geht ohne Problem. Das Problem wird gelöst, oder ich übernehme es. Wir brauchen Entscheider; dafür braucht es aber nicht unbedingt ein Studium.

ENTSCHEIDUNG: Haben Sie denn mit Blick auf Fachkräfte nach wie vor ausreichend Bewerbungen? Oder spüren Sie den Fachkräftemangel auch in Ihrem Unternehmen?

Grupp: Wir haben den Fachkräftemangel sicherlich als Letzte gespürt. Im kaufmännischen Bereich, also da, wo viele meinen, Akademiker einsetzen zu müssen, haben wir keinen Bedarf. Eine Ausnahme ist der IT-Bereich. Da ist die Welt ja verrückt geworden. Zuletzt bekamen wir auf ein Inserat kaum Antworten. Also habe ich einen Headhunter in London eingesetzt, und der hat mir dann einen aus Balingen angeboten. Da habe ich mich gefragt, wie verrückt die Welt ist! Dass sich der, der aus unserer Kreisstadt Balingen kommt über London sich bei uns bewirbt! Wir haben aber Probleme, eine gute Näherin, einen guten Stricker oder Färber zu finden. Warum, sage ich Ihnen auch, weil jeder meint, wenn er kein Abitur hat, sei er zweitklassig! Ja, mit Abitur sitzt keiner mehr an der Nähmaschine, und das wird ein Problem. Wir müssen den Leuten beibringen, dass sie gut sein müssen. Abitur ist nicht das Allein-selig-machende. Ich brauche Handwerker, Schreiner oder Menschen, die handwerkliches Geschick haben!

ENTSCHEIDUNG: Wir haben in Deutschland die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Führen Sie das eher auf den demografischen Wandel zurück, oder ist das Ausdruck der deutschen Wirtschaftsstärke?

Grupp: Sicherlich beides. Wir haben Exportüberschuss, die Wirtschaft brummt, und damit geht auch die niedrige Arbeitslosenquote einher. Aber sicherlich auch damit, dass die Leute früher mehr Kinder hatten als heute!

ENTSCHEIDUNG: Halten Sie es für realistisch, dass ein Teil des Fachkräfteproblems durch Flüchtlinge und deren Arbeitsmarktintegration gelöst werden kann? Oder haben Sie den Eindruck, das ist Wunschdenken der Politik?

Grupp: Ganz gleich, ob Wunschdenken der Politik oder nicht: Das muss gelöst werden. Also wenn wir diese 1,1 Millionen, die im vergangenen Jahr gekommen sind, nicht zum großen Teil in den Arbeitsmarkt einbinden können, wäre das fatal - für die Flüchtlinge und für unsere Gesellschaft. Wenn ich jemanden in die Gesellschaft einbinden will, dann muss er auch in das Tägliche eingebunden werden. Und das kann nicht nur Freizeit sein. Das kann nur durch eine verantwortungsvolle Arbeit bzw. Aufgabe erfolgen. Aber das muss auch erst einmal funktionieren: Kürzlich musste ich auf einen Pakistani drei Monate warten, bis endlich geklärt war, dass er arbeiten darf. Das müsste schneller gehen.

ENTSCHEIDUNG: Welche Erfahrungen machen Sie denn mit Flüchtlingen, die bei Ihnen anfangen?

Grupp: Wir machen die gleichen Erfahrungen wie mit Deutschen auch. Von zehn fällt einer aus dem Rahmen, kommt plötzlich nicht oder ist ständig krank. Wir haben einen zur Ausbildung gehabt, der ist mal erschienen und mal nicht, mal wieder gekommen und mal nicht. Was soll ich mit so jemandem anfangen? Aber das gibt es bei Deutschen auch. Grundsätzlich kann ich sagen: Wir machen mit Flüchtlingen in Ausbildung gute Erfahrungen, wenn sie kommen und arbeiten dürfen; aber bei Letzterem gibt es eben noch Probleme.

ENTSCHEIDUNG: Können Sie nachvollziehen, warum es überhaupt so kompliziert sein soll, diese Dinge in Deutschland zu regeln?

Grupp: Ich könnte es nachvollziehen, wenn wir dann generell die gleiche Stringenz überall hätten. Wenn wir auf der einen Seite hier so kompliziert sind und sagen, das brauchen wir, damit nichts Falsches passiert, und gleichzeitig die Flüchtlinge nahezu unkontrolliert rein lassen, dann passt das nicht zusammen. Natürlich muss eine gewisse Prüfung sein. Das ist ja auch europäisches Recht, dass man erst prüfen muss, ob der Arbeitsplatz auch von einem Europäer besetzt werden kann oder nicht. Selbstverständlich nehmen wir auch alle Europäer, die sich bewerben, aber leider werden diese immer weniger!

ENTSCHEIDUNG: Wenn Sie einen Wunsch an die Politik frei hätten zum Thema dualer Ausbildung, welcher wäre das?

Grupp: Mein Wunsch ist, dass die duale Ausbildung fortgesetzt und ausgebaut wird!

ENTSCHEIDUNG: Herzlichen Dank.

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