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Seit Oktober ist der CSU-Politiker Johannes Singhammer Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

Zeitungsausfahrer, Packer, Briefträger, Autowäscher – die Jobs, mit denen Johannes Singhammer als Schüler Geld verdiente, sind vielfältig. „Mein Vater hatte als kleiner Bankangestellter kein hohes Einkommen und wir Kinder lernten, jede Mark umzudrehen“, erinnert er sich an die 1950er und -60er Jahre im Münchner Vorort Giesing. „Konsumgüter gab es kaum, stattdessen verbrachten wir viel Zeit mit der Familie.“ Deshalb nennt er seine Kindheit „behütet“ – und schon bald habe er ein politisches Interesse entwickelt: „Als Zehnjähriger bin ich morgens immer früh aufgestanden, um die Tageszeitung noch vor meinem Vater zu lesen.“

Man lernt in der Jungen Union nicht nur, wie Mehrheiten zustande kommen, sondern auch, wie man Kompromisse schließt. Diese Erfahrung ist von unschätzbarem Wert.

1972, auf dem Höhepunkt der Politisierung im Vorfeld der vorgezogenen Bundestagswahl, trat Singhammer in die Junge Union und die CSU ein. „In meinem JU-Kreisverband waren auch die Kinder von Franz Josef Strauß aktiv, so dass ich bald auch in Kontakt zu ihrem Vater kam – eine tiefe Prägung.“ Er wurde zunächst Kreis- und dann Bezirksvorsitzender der JU München und erinnert sich an ein Erlebnis mit dem CSU-Übervater, als er mit Hunderten Mitgliedern der JU München eine Wahlkampf-Fahrradtour im Strauß-Wahlkampf machte: „Plötzlich kam Strauß höchstpersönlich im Trainingsanzug angeradelt und schloss sich uns an. Allerdings fuhr er uns am Ende davon, da Strauß früher erfolgreich Radrennen gefahren war“, lacht Singhammer. Im Rückblick resümiert er über seine Jahre beim politischen Nachwuchs: „Man lernt in der Jungen Union nicht nur, wie Mehrheiten zustande kommen, sondern auch, wie man Kompromisse schließt. Diese Erfahrung ist von unschätzbarem Wert.“

Inzwischen hatte Singhammer ein Jura-Studium absolviert und geheiratet. Als JU-Bezirksvorsitzender war er dem damaligen Münchner Oberbürgermeister Erich Kiesl (CSU) aufgefallen, der ihn nach seinem zweiten Staatsexamen als Leiter des Redenreferates engagierte. Nachdem Kiesl 1984 nicht wiedergewählt worden war, wechselte Singhammer innerhalb der Stadtverwaltung in die Ausländerbehörde, wo er auf den Kreisverwaltungsreferenten Dr. Peter Gauweiler traf. Dieser wurde 1986 zum bayerischen Innen-Staatssekretär ernannt und wählte Singhammer als seinen Büroleiter. „Peter Gauweiler ist ein sehr konsequenter Mensch mit klaren Grundsätzen – streitbar und zugleich literarisch gebildet.“ Als Gauweiler 1990 zum bayerischen Umweltminister berufen wurde, nahm er Singhammer als Grundsatzreferatsleiter mit in sein Ministerium. 1994 gelang diesem dann der Start in eine eigene politische Karriere: Er wurde für den Wahlkreis München-Nord auf Anhieb direkt in den Deutschen Bundestag gewählt. „Das ist der schwierigste Wahlkreis für die CSU, weil er soziodemographisch völlig unterschiedlich ist.“ Singhammer erwarteten nicht nur die Zentralen von vier DAX-notierten Konzernen, sondern ebenso die Grünen-Hochburg Schwabing und das Hasenbergl. „Im Stadtbezirk Milbertshofen haben 70 Prozent der eingeschulten Kinder Eltern, die beide nicht Deutsche sind. Da braucht es gemeinsamer Werte, damit keine Parallelgesellschaft entsteht.“

Politik ist Dienstleistung und in besonderer Weise Interessenwahrnehmung für diejenigen, die sich nicht selber einbringen können.

Im Deutschen Bundestag wurde Singhammer bald Vorsitzender der Kinderkommission. „Familie ist etwas Wunderschönes“, sagt der Vater von sechs Kindern, der inzwischen auf den ersten Enkel hofft. In der folgenden Legislaturperiode wurde Singhammer arbeits- und sozialpolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe. Das Thema Sozialpolitik hatte ihn bereits während seiner JU-Zeit besonders beschäftigt. Von dieser Perspektive her ist auch sein Demokratie-Verständnis geprägt: „Politik ist Dienstleistung und in besonderer Weise Interessenwahrnehmung für diejenigen, die sich nicht selber einbringen können.“ Ein Rechtsanwalt könne seine Interessen leicht selber artikulieren, eine alleinerziehende Mutter, die finanziell irgendwie durchkommen müsse, umso weniger. „Ich habe schon früh Menschen erlebt, die sich krummlegen, um ihre Familie zu ernähren“, so Singhammer, „das ist eine andere Welt als auf den Gängen des Deutschen Bundestages.“ Er ist Pragmatiker: „Es waren gute Jahre, als Sozial- und Wirtschaftspolitik ab 2002 in einem Ressort zusammengelegt waren. Durch diese einmalige Struktur hat sich viel bewegt, weil unterschiedliche Politikertypen aufeinanderstießen.“

Dann die Bundestagswahl 2005: Aufgrund seines schwierigen Wahlkreises wurde er nicht direkt gewählt. „Mein Listenplatz zog knapp nicht – ich war draußen“, so Singhammer. Doch einige Tage später die Überraschung: Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber nahm sein Bundestagsmandat nicht an – Singhammer konnte seine Arbeit in Berlin fortsetzen. 2009 wurde er zum Vizechef der Unionsfraktion gewählt, zuständig für die Themen Gesundheit, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, 2013 dann zum Bundestagsvizepräsidenten. „Das neue Amt macht mir viel Freude“, so Singhammer, der in den vergangenen Wochen Gesprächspartner des Parlaments aus vielen Ländern getroffen hat. „In besonderer Weise fühle ich mich Afrika verbunden.“ Seit Jahren setzt er sich mit der Deutsch-Mosambikanischen Gesellschaft für ein Schulprojekt ein. Nach dem bewegten Jahr freut sich Singhammer auf einige Tage der Besinnung, die er jährlich Anfang Januar mit einer Gruppe von Politikern im Kloster Maria Laach verbringt: „Politiker reden das ganze Jahr hindurch – umso wichtiger ist es, sich von Zeit zu Zeit zu besinnen.“

Biografie

Geboren am 9. Mai 1953 in München, röm.-katholisch, verheiratet, sechs Kinder. 1973 Abitur, Studium der Rechtswissenschaften an der LMU München, 1978 1. jur. Staatsexamen, 1981 2. jur. Staatsexamen. Verwaltungsrat bei der der Landeshauptstadt München, 1986 Wechsel in das Bayerische Staatsministerium des Inneren und 1990 in das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, dort Leitung des Grundsatzreferats. 1972 Eintritt in CSU und JU, 1980/84 Bezirksvorsitzender der Jungen Union München, 1999/03 Bezirksvorsitzender der CSU München. Seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages, 1994/98 Mitglied bzw. Vorsitzender der Kinderkommission, 1998/02 Vorsitzender des Arbeitskreises Arbeit und Sozialordnung, Gesundheit, Familie, Senioren, Frauen und Jugend der CSU-Landesgruppe, 2002/05 wirtschafts- und arbeitspolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe, 2005/09 Vorsitzender der AG Familie, Senioren, Frauen und Jugend der CDU/CSU-Fraktion, 2009/13 stellv. Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag für die Bereiche Gesundheit, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Seit Oktober 2013 Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

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