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Die Nähe zu Frankreich war nicht nur eine zentrale politische Konstante, sondern auch eine elementare biografische Koordinate im Leben Helmut Kohls. Der Ehrenbürger Europas wurde vor 87 Jahren „im Schatten“ der deutsch-französischen Grenze geboren. Ihr Trennendes wie ihr Verbindendes behielt Kohl Zeit seines Lebens unmittelbar vor Augen. Die Pfalz ist durchdrungen von karolingischem Erbe, deutscher, französischer und gemeinsamer europäischer Geschichte. Entsprechend empfand, erwanderte und präsentierte Kohl den benachbarten Pfälzerwald und die im Elsass angrenzenden Vosges du Nord als seine zusammenhängende deutsch-französische Heimatregion. An der Grenze bei Wissembourg hatte er als Jugendlicher Schlagbäume beseitigt und für den Bau des Hauses Europa demonstriert. Geprägt vom Tod seines 1944 bei einem Fliegerangriff gefallenen Bruders, von persönlichen Kriegserlebnissen mit dem örtlichen Schülerlöschtrupp, vom Anblick seiner zerstörten Heimatstadt Ludwigshafen, von Entbehrungen in der französischen Besatzungszone sowie von politischen Auseinandersetzungen um die Saarfrage, stritt Kohl als Mensch, Historiker und Politiker für die Aussöhnung Deutschlands und Frankreichs. Zielstrebig, hartnäckig und instinktsicher gestaltete er die deutsch-französische Freundschaft im Geiste Konrad Adenauers.

Bereits zu Beginn der 1950er Jahre reiste Helmut Kohl nach Paris, Metz, Reims sowie Chartres und lernte französische Politiker des „Mouvement républicain populaire“, unter ihnen Robert Schuman, kennen. Entgegen anders lautender Annahmen verstand und sprach Kohl, der 1950 seine an das französische Zentralabitur „baccalauréat géneral“ angelehnte Hochschulreife erwarb, die französische Sprache. Als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident setzte er sich dafür ein, dass Französisch an allen Schulformen unterrichtet und als erste Fremdsprache gewählt werden konnte. Zudem verfolgte, pflegte und beförderte er die Regionalpartnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Burgund. Auch als Bundeskanzler verlor Helmut Kohl den persönlichen Austausch von Deutschen und Franzosen zu keinem Zeitpunkt aus dem Blick, wie sein nachhaltiges Engagement für das Deutsch-Französische Jugendwerk belegt.

Seit seiner Jugend suchte Helmut Kohl regelmäßig die Schlachtfelder von Verdun auf, wo sein Vater im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte. In Anbetracht der „Knochenmühle“, die vor 100 Jahren etwa alle vierzig Sekunden ein deutsches oder französisches Opfer gefordert hat, verinnerlichte der junge Kohl einmal mehr: Aus „Erzfeinden“ mussten „Erbfreunde“ werden. Jahrzehnte später standen Staatspräsident François Mitterrand und er gemeinsam vor dem Beinhaus von Douaumont. Stumm und regungslos blickten sie auf einen mit der Trikolore und der Bundesflagge bedeckten Sarg. Ihr Händedruck über den Gräbern von Verdun ist weltweit zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung geworden. Auf dem französischen Nationalfriedhof am Douaumont sowie dem deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye mahnen große Tafeln die Besucher:
„Auf diesem (...) Soldatenfriedhof trafen sich am 22. September 1984 zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Völker der französische Staatspräsident und der deutsche Bundeskanzler. Sie legten im gemeinsamen Gedenken an die Toten beider Weltkriege Kränze nieder und erklärten: ‚Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.’ François Mitterrand – Helmut Kohl.“

Vier Jahre später wurden Mitterrand und Kohl mit dem Internationalen Karlspreis zu Aachen ausgezeichnet. In seiner Ansprache verdeutlichte der deutsche Bundeskanzler eindrücklich sein Frankreichbild: „Deutschland und Frankreich waren stets mehr als nur Nachbarn. Sie waren, sie sind Geschwister, hervorgegangen aus denselben Ursprüngen, aus demselben karolingischen Reich“.

Dank der persönlichen Beziehung zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand, die sich im Sinne der Devise Konrad Adenauers „Vertrauen gewinnen“ entwickelt hat, konnten Mitte der 1980er Jahre die „Eurosklerose“ überwunden und der deutsch-französische Motor für Europa reaktiviert werden. In mittelbarer Folge gelangen Integrationsprozesse wie die Einheitliche Europäische Akte und der Vertrag von Maastricht. Bedeutsam waren nicht zuletzt die Gründungen der deutsch-französischen Brigade 1989 und des Eurokorps 1993, die Teilnahme deutscher Soldaten an der Militärparade 1994 auf der Avenue des Champs-Élysées anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung von Paris von deutscher Besatzung sowie die Schaffung des gemeinsamen Kulturkanals ARTE. Selbst erhebliche deutsch-französische Divergenzen und Irritationen in Anbetracht der Deutschen Wiedervereinigung konnten schließlich, auch dank freundschaftlicher Beziehungen Helmut Kohls zum langjährigen französischen Präsidenten der Europäischen Kommission Jacques Delors, vertrauensvoll überwunden werden.

In Frankreich genoss der deutsche Bundeskanzler höchste Anerkennung und ebensolche Beliebtheitswerte. Er stand für ein verlässliches Deutschland, galt als verständnisvoller Freund an der Seite der „Grande Nation“ sowie, mit den Worten von Staatspräsident Emmanuel Macron ausgedrückt, als „réformateur“, „visionnaire“, „unificateur“ sowie „artisan (...) de l’amitié franco-allemande“.

Der europäische Trauerakt in Straßburg und die Beisetzung Helmut Kohls auf dem Friedhof des Speyerer Domkapitels neben der in den 1950er Jahren errichteten deutsch-französischen Friedenskirche St. Bernhard bezeugen das Vermächtnis eines deutschen Patrioten und leidenschaftlichen Europäers. Sie verdeutlichen zugleich das Leben und politische Wirken eines frankophilen Pfälzers, der „Heimat, Vaterland, Europa“ immer auch in einem deutsch-französischen Kontext gedacht hat. Er konturierte die Beziehungen zu Frankreich auf unnachahmliche Weise. Adieu, „’elmut Kohl“.


Autor:
Philipp Lerch leitet die KommunalAkademie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er war Kreisvorsitzender der JU sowie der CDU Bonn. Der Politikwissenschaftler hat einen Teil seiner Kindheit in Frankreich gelebt und verfasst eine Dissertation zur Frankreichpolitik von Helmut Kohl.

Bildunterschrift: Der Händedruck des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand und des deutschen Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl vor dem Beinhaus von Douaumont. Eine historische Geste, die tief im kollektiven Gedächtnis der Deutschen und Franzosen verankert bleibt.

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