von Nathanael Liminski

Seit 2014 leitet Herrmann Binkert des Marktforschungsinsitutes insa consulere. Im Interview mit der ENTSCHEIDUNG spricht der ehemalige thüringische Staatssekretär über die Zuverlässigkeit von Wahlprognosen. Sein Credo: Wahlumfragen haben auch heute noch Relevanz, wenn sie gewissenhaft und transparent erhoben durchgeführt werden.

ENTSCHEIDUNG: Der Ruf der Demoskopen hat durch den Ausgang des EU-Referendums in Großbritannien und der US-Präsidentschaftswahl schwer gelitten. Einen US-Präsidenten namens Donald Trump hielten viele Institute noch kurz vor dem Wahltag für völlig unwahrscheinlich. Was ist bei Ihren Kollegen schiefgelaufen?

Binkert: Ich muss meine US-Kollegen da in Schutz nehmen. Es gab im Vorfeld der Wahlen schon einige Institute, die ein enges Rennen voraussahen oder landesweit einen leichten Vorsprung von Trump prognostizierten. Auch haben viele Institute darauf hingewiesen, dass es in den entscheidenden Swing-States wie Florida und des Rust Belts eine Neck-and-Neck-Situation gibt. Wenn man sich das Endergebnis einmal genau ansieht, stellt man schnell fest: eigentlich haben beide Kandidaten die Wahl 2016 verloren, zumindest, wenn man das Ergebnis mit vergangenen Wahlen vergleicht. Trump bekam noch weniger Wählerstimmen als McCain und Romney, die beide Barack Obama unterlagen. Und auch Clinton erhielt noch deutlich weniger Stimmen als Obama. Viele Wähler des Hillary Clinton innerparteilich unterlegenen Gegenkandidaten Bernie Sanders sind direkt zu Donald Trump übergelaufen. Sie wollten gegen das Establishment stimmen.

ENTSCHEIDUNG: Warum konnte die Mehrheit der Erhebungen dies nicht vorhersagen? Und warum sahen die meisten Institute Clinton als Siegerin?

Binkert: Das kann viele Ursachen haben. Offenbar hatten einige US-Demoskopen Probleme damit, die Anzahl und das Verhältnis von Wählern und Nicht-Wählern zu bestimmen. Es könnte auch zu Verzerrungen gekommen sein, weil nicht alle Milieus von Wahlberechtigten in den Umfragen richtig repräsentiert waren. Das könnte zu einer doppelten Fehleinschätzung geführt haben: man wusste nicht, wer tatsächlich wählen geht und man wusste nicht, wen frühere Nichtwähler wählen würden. Das hat auch viel mit dem Phänomen sozialer Erwünschtheit zu tun. Meinungen, die als populistisch gelten, werden seltener von den Befragten offen geäußert. Das dürfte gerade bei einem umstrittenen Kandidaten wie Trump einen großen Effekt gehabt haben. Aus meiner Sicht besteht eine große Schwäche der US-Umfragen aber auch in der Beschränkung auf die wichtigsten Swing-States. Hätte man in allen Bundesstaaten regelmäßige und intensive Befragungen durchgeführt, wäre vielleicht aufgefallen, dass einige sicher geglaubte Bundesstaaten gar nicht mehr sicher waren.

ENTSCHEIDUNG: Was entgegnen Sie Politikern oder Journalisten, die jetzt meinen, man könne auf Wahlumfragen nichts mehr geben?

Binkert: Das ist genauso falsch wie Umfragen für vorgezogene Wahlergebnisse zu halten. Dass kaum jemand die Niederlage von Hillary Clinton hat kommen sehen, hat möglicherweise mit einer in diesem Fall falschen Methodik oder Stichprobenauswahl zu tun. Auch ist das amerikanische Wahlsystem durch die „winner-takes-all-Regel“ und das Wahlmännerkollegium viel unberechenbarer. Wir dürfen nicht vergessen: Clinton lag bei den landesweiten Stimmen, der so genannten popular vote, am Ende mit zwei Prozent vor Trump. Das hatten die Umfrageinstitute auch richtig vorhergesagt. Zudem gibt es gerade in Deutschland sehr viele Beispiele, wo die Umfragen dem Wahlergebnis sehr nahe gekommen sind, gerade bei Landtagswahlen. Umfragen bleiben aber immer nur Stimmungsbilder.

ENTSCHEIDUNG: Wie kann die politische Meinungsforschung neues Vertrauen gewinnen?

Binkert: Meinungsforschung muss neutral bleiben und methodisch sauber arbeiten. Auch ist Transparenz ganz entscheidend. Wir können unsere Instrumente nur dann stetig verbessern, wenn wir aus Fehlern lernen. Für treffgenaue Ergebnisse ist es unabdingbar, dass die Befragten möglichst ehrlich antworten. Deswegen müssen wir uns in Zukunft noch stärker darum bemühen, die Einflüsse durch soziale Erwünschtheit messen und einschätzen zu können. So können wir das Vertrauen in unsere Arbeit stärken.

ENTSCHEIDUNG: Welche Rolle spielt dabei die Politik?

Binkert: Es darf keine selektive Bewertung und Kommentierung von Umfragen durch die Parteien geben. Ich würde mir schon wünschen, dass die Parteien nicht nur für sie gute, sondern vielleicht auch mal wenig erfreuliche Umfragen in ihre Arbeit und Kommunikation einbeziehen – und daraus Rückschlüsse ziehen. Oftmals werden Umfrageergebnisse, die richtig wehtun, völlig ignoriert: der Stimmungsumschwung in Rheinland-Pfalz von Klöckner zu Dreyer, die Stärke der Grünen unter Kretschmann in Baden-Württemberg, die Ergebnisse von über 20 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern: nicht selten werden die Umfrageinstitute selbst für schlechte Trends verantwortlich gemacht, und nicht das eigene Handeln oder Unterlassen. Aber auch die Medien werden hier ihrer Verantwortung nicht immer gerecht: Wenn immer nur Umfragen zitiert werden, die die eigene Berichterstattung stützen, sinkt das Vertrauen der Bevölkerung in die Demoskopie, auch jenseits von Wahlumfragen.

ENTSCHEIDUNG: Welche Lehren ziehen Sie aus den Umfragen zur US-Präsidentschaftswahl für die Wahlen in Deutschland?

Binkert: Wir müssen alle Wahlberechtigten in den Blick nehmen. Die, die sich noch mobilisieren lassen und die, die sich – aus welchen Gründen auch immer – zurückgezogen haben. Ich sehe die Notwendigkeit eines Wechsels vom Trend der asymmetrischen Demobilisierung hin zu einer angebotsabhängigen Mobilisierung. Ich nenne das bedingte Mobilisierung. Auf Deutsch: die Zeiten, in denen eine bewusste programmatische Unschärfe einer Partei Wahlerfolge bringt, sind vorbei. Die Wähler wollen wieder überzeugt werden, wollen klare Alternativen. Diese bedingte Mobilisierung, die mit einer steigenden Wahlbeteiligung einhergehen könnte, wird auch die Bundestagswahl 2017 entscheiden.

ENTSCHEIDUNG: Was heißt das für die Union?

Binkert: Der Union muss bewusst sein, dass etwa jeder vierte Wähler von 2013 ihr mittlerweile den Rücken gekehrt hat. Sie sind zu politischen Mitbewerbern gewechselt oder ins Lager der Nichtwähler, Ungültig-Wähler und Unentschiedenen gewechselt. Hinzu kommen frühere Nichtwähler, die aus Protest gegen das Establishment in die Wahlenthaltung gegangen sind, und nun, ebenfalls aus Protest, wieder an Wahlen teilnehmen könnten. Das könnte sich positiv auf die Wahlbeteiligung auswirken, aber nicht zwingend auf das Unionsergebnis.
Die SPD erlebt derzeit einen demoskopischen Höhenflug, der auch viele ihrer Kollegen völlig überrascht hat.

ENTSCHEIDUNG: Was sind die Hintergründe des „Schulz-Effekts“?

Binkert: Der SPD fehlte die Machtperspektive. Sie war „nur“ Juniorpartner und alle fragten sich „nur“, mit wem die Kanzlerin die nächsten vier Jahre regieren wird. Dass die SPD selbst den Regierungschef stellen könnte, galt auch vielen Sozialdemokraten unrealistisch. Viele haben heute schon vergessen, dass noch vor eineinhalb Jahren, im Sommer 2015, der schleswig-holsteinische SPD-Ministerpräsident grundsätzlich in Frage stellte, ob die SPD überhaupt einen Kanzlerkandidaten aufstellen solle. Jetzt hat die SPD einen Kandidaten, der nicht in die GroKo eingebunden ist und der so von sich überzeugt ist, dass es ihm gelingt andere zu überzeugen. Und – auch das gehört zur Wahrheit: Seit dem Herbst 2015 ist Angela Merkel nicht mehr die präsidiale Kanzlerin, die Popularitätswerte hat von denen ihre Vorgänger nur träumen konnte. Man darf aber auch nicht vergessen, dass sie in ihrem 12. Jahr ihrer Kanzlerschaft ist. Das ändert jedoch nichts daran, dass Angela Merkel innerhalb der Unionswählerschaft immer noch auf sehr, sehr große Zustimmung stößt.

ENTSCHEIDUNG: Wie lange wird der Schulz-Effekt anhalten?

Binkert: Das ist schwer zu sagen. Die Union lag über viele Jahre immer haushoch vor der SPD und innerhalb von zwei Wochen ist dieser Vorsprung so geschrumpft, dass wir Momentan ein Kopf-an-Kopf-Rennen erleben. Der Bundestag wird erst in einem halben Jahr gewählt. Da fließt noch viel Wasser die Spree hinunter. Aber eines ist offensichtlich: Der Wahlkampf 2017 wird härter als der letzte Bundestagswahlkampf und er müsste anders geführt werden.

ENTSCHEIDUNG: Ihre Prognose für die Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und NRW?

Binkert: Die SPD hat im Moment Rückenwind. Sie gewinnt aber, neben früheren Nichtwählern, im Moment hauptsächlich zulasten der Grünen und der Linken. Wirklich siegen kann sie nur im Saarland, in Schleswig-Holstein und NRW stellt sie schon den Regierungschef. Viel hängt davon ab, dass die offensichtlich gestiegene Motivation der SPD-Wahlkämpfer nicht zu einer Demotivation der Unions-Wahlkämpfer führt. Wer nicht von sich überzeugt ist, kann auch andere nicht überzeugen. Ganz entscheidend für die Mehrheitsfindung wird das Ergebnis der kleineren Parteien sein.

Zur Person:
Hermann Binkert, Geschäftsführer des Markt- und Sozialforschungsinstituts INSA-CONSULERE, Staatssekretär a. D., 52 Jahre, verheiratet, vier Kinder, Mitglied der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU.

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