Wähle deinen Beitrag:     Euro  

Eberhard Diepgen war nach der Deutschen Einheit der erste Regierende Bürgermeister des wiedervereinten Berlin.

„Meine erste historische Erinnerung ist der Einmarsch der Amerikaner und bald darauf der Sowjets in Sachsen, wohin wir evakuiert worden waren“, blickt Eberhard Diepgen (71) auf sein Aufwachsen im Zweiten Weltkrieg und im zerstörten Nachkriegs-Berlin zurück. „Meine Sozialisation fand im Arbeiterbezirk Wedding statt, die dortigen sozialen Unterschiede haben mich geprägt.“ Zudem befand sich die Grenze zum sowjetischen Sektor der Stadt in unmittelbarer Nähe. „Als junger Mensch war ich tief von den Volksaufständen in der DDR 1953 und in Ungarn 1956 erschüttert. Ich sah die Panzer auf der anderen Seite mit eigenen Augen und dachte: Wie konnte Menschen, die um Hilfe riefen, nicht geholfen werden?“, so Diepgen.

Das unmittelbare Erleben der Teilung Deutschlands sollte zu einem zentralen Antrieb seines zukünftigen Engagements werden. Nach dem Abitur 1960 begann er ein Studium der Rechtswissenschaften in Berlin und kandidierte für das Studentenparlament. „In der Wahlzeitung stand damals noch über mich, dass ich jede parteipolitische Bindung ablehnen würde“, schmunzelt er im Rückblick. Anfang 1963 wurde Diepgen sogar zum AStA-Vorsitzenden der Freien Universität gewählt, bis er das Amt bereits nach 17 Tagen wegen seiner Mitgliedschaft in einer studentischen Verbindung wieder entzogen bekam: „Die Abwahl war eine wichtige Erfahrung, und zugleich erlangte ich einen bundesweiten Bekanntheitsgrad und wurde zwei Jahre später Vizechef des VDS.“ Im damaligen bundesweiten AStA-Dachverband war er für Bildungs- und Sozialfragen zuständig - und blieb auch später der Sozialpolitik stets verbunden: „Immer wieder musste ich mir anhören, ich sozialdemokratisiere die Union.“ Bereits während der Kanzlerschaft von Konrad Adenauer hatte sich Diepgen entgegen seiner ursprünglichen Pläne für eine Mitgliedschaft in JU und CDU entschieden. „Wir demonstrierten damals ebenso wie die linken Studenten gegen den Muff unter den Talaren“, so Diepgen, „aber statt einer Revolte forderten wir mehr studentische Selbstverantwortung.“

Nach seinem zweiten Jura-Examen wurde Diepgen Assistent der Berliner CDU-Abgeordnetenhausfraktion und verfasste Gesetzentwürfe. „Mit Blick auf diese Jahre lautet mein Rat an Nachwuchspolitiker, sich nicht nur in politischen Gremien zu engagieren, sondern zu Experten in einem konkreten Themenbereich zu werden. Dann gewinnt man Einfluss auf die konkrete Politikgestaltung.“ 1971 gelang dem jungen Anwalt dann selber die Wahl in das Berliner Abgeordnetenhaus, 1980 für kurze Zeit zugleich in den Deutschen Bundestag.

„Für mich war es sehr schmerzhaft, beim Fall der Mauer über keine Macht zu verfügen - und einem Senat zusehen zu müssen, der die Wiedervereinigung nicht wollte.“

In den 1970er Jahren reformierte Diepgen mit seinen JU-Freunden, von denen sich viele „moderne Konservative“ in der sogenannten „K-Gruppe“ um den langjährigen Abgeordneten Peter Kittelmann zusammengeschlossen hatten, die aus ihrer Sicht rückständige Berliner Landespartei. 1980 wurde Diepgen zum CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landesparlament gewählt - und „stürzte damit gleich in den Umbruch hinein“, wie er die Übernahme des Berliner Senats durch die CDU unter Richard von Weizsäcker 1981 nannte. „Weizsäcker als neuer Regierender Bürgermeister überzeugte mich, Fraktionsvorsitzender zu bleiben statt Senator zu werden“, so Diepgen. „Da er bis 1983 eine Minderheitsregierung führte, begann für mich als gestaltender Fraktionschef eine der spannendsten Phasen.“ Als Weizsäcker im Jahr darauf das Amt des Bundespräsidenten anstrebte, setzte sich Diepgen innerparteilich gegen seine Konkurrentin Hanna-Renate Laurien durch und wurde im Februar 1984 neuer Regierender Bürgermeister: „Zunächst hatte ich jedoch gezögert, da ich im Gegensatz zu meinem Vorgänger keine Vaterfigur verkörperte.“ Auch maßgebliche Pressevertreter trauten dem neuen Landeschef nur eine kurze Amtszeit bis zu nächsten Wahl 1985 zu - doch konnte Diepgen auch nach dieser erfolgreich die CDU/FDP-Koalition fortsetzen. „Umso schwieriger war für mich die Niederlage bei der Abgeordnetenhauswahl 1989“, erinnert er sich an die rot-grüne Machtübernahme durch seinen Nachfolger Walter Momper. „Die CDU war im Wahlkampf einfach zu selbstgefällig gewesen.“ Zwar wurde der Geschlagene neuer Oppositionsführer der CDU im Landesparlament, doch sah er diesen Schritt eher als „Übergangsphase“ bei der Rückkehr in seinen Anwaltsberuf. Dann der 9. November 1989: „Für mich war es sehr schmerzhaft, beim Fall der Mauer über keine Macht zu verfügen - und einem Senat zusehen zu müssen, der die Wiedervereinigung nicht wollte.“ Dennoch war Diepgen in diesen Wochen stark auf dem Gebiet der damaligen DDR unterwegs - „eine unheimlich spannende Zeit“.

Sein damaliger Pressesprecher, der heutige Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière, organisierte im November 1989 ein Treffen mit Vertretern der Ost-CDU, darunter dessen Cousin Lothar de Maizière, der bald darauf zum Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten gewählt werden sollte. Gegen den Kurs des damaligen CDU-Generalsekretärs Volker Rühe sprach sich Diepgen damals für eine Zusammenarbeit mit der als sogenannter Blockpartei nicht unumstrittenen Ost-CDU aus: „Es ging darum, die Menschen mitzunehmen und ihre jeweiligen Beweggründe zu betrachten.“ Diepgens persönliche Erfahrung aus der damaligen Umbruchzeit lautet, dass ein Politiker auch ohne ein hohes Regierungsamt viel bewegen könne - „als Oppositionspolitiker konnte ich Dinge häufig deutlicher aussprechen als offizielle Regierungsvertreter.“ Dennoch war seine Genugtuung groß, als er knapp zwei Jahre nach seiner Abwahl 1989 nach der ersten Gesamt-Berliner Abgeordnetenhauswahl zum Jahreswechsel 1990/91 wieder Regierender Bürgermeister wurde - und diesmal zugleich erster Landesvater des wiedervereinigten Berlins. Doch im Rückblick relativiert er den Erfolg ein wenig: „Wer eine Wahl gewinnt, freut sich wenige Minuten - und ab dann richtet sich sofort alles auf neue Herausforderungen.“ In den folgenden zehn Jahren verantwortete Diepgen das Zusammenwachsen der beiden stark unterschiedlichen Stadtteile - „Berlin litt damals unter einer viel stärkeren mentalen Spaltung als wir zuvor erwartet hatten.“ So ist er umso stolzer, dass es der CDU in den 1990er Jahren gelang, „auch im Ostteil der Stadt trotz der alten SED-Eliten eindeutig stärkste Kraft zu werden.“ Er beschreibt die Entwicklung der Berliner CDU zur „modernen Großstadtpartei“, die bei drei aufeinanderfolgenden Wahlen bis 1999 jeweils rund 40 Prozent der Wählerstimmen erhielt.

Als einen der Höhepunkte seiner Regierungszeit nennt er den Hauptstadtbeschluss des Deutschen Bundestages im Juni 1991: „Bonn rechnete mit einer deutlichen Mehrheit und Berlin hatte im Grunde schon verloren, als Wolfgang Schäuble die emotionale Aufrüttelung der Abgeordneten gelang und eine taktische Fragestellung letztlich den knappen Sieg für Berlin als Sitz von Parlament und Regierung ermöglichte. „Letztlich haben die Bonner durch ihre damalige Überheblichkeit verloren“, so Diepgen.

Der für ihn persönlich am meisten bewegende Moment war der Abzug der russischen Truppen aus Berlin 1994: „Das war das eigentliche Ende des Zweiten Weltkrieges und der Besatzungszeit - und die Krönung der politischen Entwicklung in meiner Lebenszeit.“ Über das Ende seiner Regierungsjahre im Juni 2001, als er nach insgesamt fast 16 Jahren im Amt durch seinen noch heute regierenden Nachfolger Klaus Wowereit (SPD) abgelöst wurde, sagt Diepgen: „Manchmal kommt man leichter in ein Amt als vernünftig aus ihm heraus.“ So bedauert er immer noch, nicht aufgrund eigener Entscheidung zurückgetreten zu sein. Als Ehrenvorsitzender der Berliner CDU kann er heute jedoch beobachten, wie sein ehemaliger Büroleiter Frank Henkel als Innensenator die CDU wieder in die Regierungsverantwortung geführt hat: „Dass der politische Karriere machen würde, war schon früh klar“, so Diepgen.

Über Eberhard Diepgen

Geboren am 13. November 1941 in Berlin, evangelisch, verheiratet, zwei Kinder. 1960 Abitur, 1960/67 Studium der Rechtswissenschaft an der Freien Universität Berlin, dort 1963 AStA-Vorsitzender, 1965/66 stellv. Vorsitzender des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS), 1972 Zulassung als Rechtsanwalt. 1962 Eintritt in JU und CDU, ab 1971 Mitglied des Landesvorstandes und Geschäftsführender Landesvorsitzender der CDU Berlin, 1971/01 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, 1980/84 und 1989/90 Vorsitzender der CDU-Fraktion, 1980/81 Mitglied des Deutschen Bundestages, 1983/02 Landesvorsitzender der CDU Berlin. 1984/89 und 1991/01 Regierender Bürgermeister von Berlin.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

Dein Kontakt zu Paul:
paul@junge-union.de
030 / 278 787 15

Dein Kontakt zur Bundesgeschäftsstelle:
ju@junge-union.de
030 / 278 787 0