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Spitzenbeamter mit Managerqualitäten – dafür steht der Name Frank-Jürgen Weise. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise betraute die Bundesregierung den Vorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit gleichzeitig mit der Leitung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Im Interview mit der ENTSCHEIDUNG erklärt der ehemalige Offizier, worauf es beim Kampf gegen Arbeitslosigkeit ankommt – und erläutert seinen Schlachtplan für die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt.

ENTSCHEIDUNG: Seit Februar 2004 sind Sie Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit. Was war in diesen 12 Berufsjahren die erfreulichste Botschaft, die Sie verkünden durften? Und was war die unerfreulichste Nachricht?

Weise: Die erfreulichste Meldung war sicherlich die, dass die Bundesagentur einen ausgeglichenen Haushalt ausweist, Rückstellungen für die zu erwartenden Pensionen aufgebaut hat und darüber hinaus noch Geld zurücklegen kann. Diese Nachricht signalisiert für mich, dass wir den Reformprozess dieser Behörde erfolgreich bewältigt haben und gut wirtschaften. Das im letzten Jahrzehnt zurückgelegte Geld haben wir dann übrigens in der Wirtschaftskrise dringend gebraucht und gerne eingesetzt, als wir mit unseren Reserven negative Auswirkungen der Bankenkrise auf den Arbeitsmarkt verhindern konnten. Die unerfreulichste Meldung war sicher die, als ich noch ganz am Anfang eine Arbeitslosigkeit von über 5,4 Millionen verkünden musste. Hinter den eher abstrakten Zahlen der Statistik stehen ja menschliche Schicksale. Das motiviert und treibt uns und von daher ist jede Arbeitslosenquote zu hoch. Aber die über 5 Millionen, das war schon ein besonders schmerzlicher Meilenstein. Heute liegen wir deutlich unter 3 Millionen Arbeitslosen.

ENTSCHEIDUNG: Die gute Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt hat sich auch zu Beginn des Jahres fortgesetzt. Außerdem hat Deutschland im Vergleich mit allen anderen EU-Mitgliedsstaaten die niedrigste Jugendarbeitslosenquote. Woran liegt dies Ihrer Meinung nach?

Weise: Ich glaube, hier kommen viele Faktoren zusammen. Zum einen haben wir von einer insgesamt guten konjunkturellen Entwicklung profitiert. Wir haben mit den Maßnahmen der so genannten Hartz-Reform sowohl die Eintrittshürden für junge Arbeitslose gesenkt und zugleich den Druck erhöht, eine Ausbildung oder Beschäftigung aufzunehmen. Das deutsche System der dualen Berufsausbildung ist ein weiterer Faktor, denn hier legt unsere Wirtschaft den Grundstein für die gut qualifizierten und überall in ihrem Beruf einsetzbaren Fachkräfte der Zukunft. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass sich Deutschland einer besonderen demografischen Herausforderung gegenübersieht. Immer weniger junge Menschen kommen auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt – auch das wirkt natürlich auf die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit.

ENTSCHEIDUNG: Mitte der 60er Jahre absolvierten 92 Prozent der jungen Menschen eine Berufsausbildung, nur acht Prozent begannen ein Studium. 2014 absolvierten insgesamt 1,35 Millionen eine Ausbildung, während 2,69 Millionen studierten. Ist das duale System durch die hohe Studierquote in Gefahr?

Weise: Die Frage, ob die Studierneigung hoch oder tief ist, kann man aus nationaler oder internationaler Perspektive durchaus unterschiedlich beantworten. Und bei den von Ihnen genannten Zahlen muss man ja bedenken, dass die Verweildauer in einem Studium im Durchschnitt durchaus länger ist als bei einer dualen Ausbildung. Was uns aber Sorgen macht, ist, dass immer mehr Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können und ausbildungswillige Firmen keine Lehrlinge finden. Wir betreiben keine Berufslenkung, aber wir informieren natürlich darüber, dass die Karrierechancen mit Ausbildung im Vergleich zu denen mit einem Studienabschluss nicht schlechter sein müssen. In vielen kleinen Betrieben, zum Beispiel im Handwerk, stellt sich die Frage, wer einmal den Betrieb übernimmt. Da bieten sich für einen ehemaligen Auszubildenden, der sich auch nach der Gesellenprüfung weitergebildet hat und vielleicht den Meisterbrief oder den Fachwirt gemacht hat, sehr gute Aussichten.

ENTSCHEIDUNG: Was würden Sie jungen Menschen raten, die nicht wissen, ob Sie eine Ausbildung oder ein Studium beginnen sollen?

Weise: Zunächst einmal würde ich ihnen raten, diese Entscheidung sehr ernst zu nehmen. Die Wahl, welchen Beruf man ergreifen möchte, ist einer der wesentlichen Meilensteine im Leben. Dazu gehört, viele Informationsquellen zu nutzen und bestenfalls auch einmal im Rahmen von Praktika in die in Frage kommenden Berufe hinein zu schnuppern. Auch empfehle ich, sich an verschiedenen Stellen Rat zu holen. Unsere Berufsberater zum Beispiel begleiten gerne bei der Berufswahl. Dabei empfehlen wir nicht den einen Weg oder den einen Beruf, sondern begleiten beim Erarbeiten einer tragfähigen Berufswahlentscheidung. Natürlich informieren wir auch im Internet oder in unseren Berufsinformationszentren über die verschiedenen Berufsbilder, über Ausbildungs- und Karrierechancen bis hin zum Gehalt.

ENTSCHEIDUNG: Hat die berufliche Bildung allgemein an Attraktivität eingebüßt? Wie kann die Attraktivität gesteigert werden?

Weise: Wir beobachten schon einen Trend zu den so genannten „weiße-Kragen-Berufen“. Dahinter steht auch der Wandel unserer Wirtschaft hin zu einer immer stärkeren Dienstleistungsorientierung. Es ist wichtig, über berufliche Bildung zu informieren und das tun wir als BA natürlich. Aber auch die betroffenen Branchen selbst sind gut beraten, über die möglichen Perspektiven zu informieren und am eigenen Image zu arbeiten. Wie auf allen Märkten herrscht auch auf dem Ausbildungsmarkt der Wettbewerb.

ENTSCHEIDUNG: Seit September 2015 haben Sie zusätzlich die Leitung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge übernommen: Wie stark lassen sich die beiden Positionen vergleichen?

Weise: Nun, beides sind anspruchsvolle und komplexe Managementaufgaben, auch wenn die Ausgangslage momentan unterschiedlich ist. Aber in der Aufgabe gibt es schon eine Verbindung, einen Link. Für die Integration in Ausbildung und Arbeit brauchen wir in der Bundesagentur eine hohe Klarheit, wer wo mit welchen Qualifikationen auf die Jobcenter und Arbeitsagenturen zukommt. Die gab es im Bundesamt zunächst nachvollziehbarer Weise nicht. Aus diesem Interesse heraus entstand übrigens ein gemeinsamer Arbeitsstab aus BAMF- und BA-Leuten. Gemeinsam ist beiden Verantwortungen übrigens auch, dass ich sie unmöglich alleine bewältigen könnte. Erfolgreich kann ich nur im Team sein, sei es mit der Führungsspitze des BAMF oder meinen Mitvorständen und den Geschäftsführern der BA. Und natürlich könnten wir ohne den steten Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gar nichts erreichen.

ENTSCHEIDUNG: Welcher Job ist derzeit der anspruchsvollere?

Weise: Das kann ich nicht seriös beantworten. Hoch anspruchsvoll sind beide Aufgaben. Mit Sicherheit unterliegt aber die Leitung des Bundesamtes für Migration zurzeit einer stärkeren Beobachtung durch die Öffentlichkeit.

ENTSCHEIDUNG: Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze unterliegt jährlichen Schwankungen, doch ist sie seit den 90er Jahren insgesamt rückläufig. Die Zahlen für den Ausbildungsbeginn im Herbst 2016 geben an, dass die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen jedoch wieder deutlich steigen soll. Hofft die Wirtschaft auf junge motivierte Flüchtlinge?

Weise: Ich beobachte schon, dass Teile der Wirtschaft sich von der Flüchtlingskrise eine Lösung oder Linderung des drohenden Fachkräftemangels erhoffen. Und ich begrüße diese Einstellung, denn wir brauchen eine starke und offene Wirtschaft, die den inländischen wie auch den frisch ins Land gekommenen Ausbildungsuchenden Chancen gibt. Wir wissen aber, auch aus den Erfahrungen aus dem Programm MobiPro, über das in den letzten Jahren viele junge Europäerinnen und Europäer für eine Ausbildung zu uns kamen, dass die berufliche Integration kein Selbstläufer sein wird und Zeit braucht. Die Geflüchteten müssen oft zunächst mal Sprachkenntnisse auf angemessenem Niveau erwerben und vielleicht Teile der Schulausbildung nachholen. Gut wären dann als nächster Schritt für diejenigen, die dauerhaft in Deutschland bleiben können, betriebliche Einstiegsqualifizierungen, in denen sie die betriebliche Praxis kennen lernen können, aus denen oft eine Ausbildungsmöglichkeit erwächst. Dabei und in der Ausbildung brauchen viele noch eine zusätzliche Betreuung und Sprachförderung, um in der Berufsschule Schritt zu halten und den Abschluss machen zu können.

ENTSCHEIDUNG: Wie steht es um die Qualifikation der Flüchtlinge, die zu uns kommen?

Weise: Dazu gibt es noch nicht viele verlässliche Daten. Aber nach den ersten Befragungen und Stichproben zeichnet sich ab, dass bis zu 80 Prozent keine formale Qualifikation nach unseren Standards haben. Auch bei der Schulbildung unterscheiden sich die zu uns geflüchteten Menschen stark nach dem Herkunftsland. Während syrische Flüchtlinge vergleichsweise gut gebildet sind, haben Geflüchtete aus Eritrea zum Beispiel aufgrund des schon lange währenden Bürgerkrieges dort oft nur eine sehr geringe oder keine Schulbildung. Die formale Qualifikation sagt aber wenig über das Potential, das diese Menschen bieten. Soweit wir wissen, sind die zu uns gekommenen jungen Menschen gut motiviert. Oft haben sie zwar berufliche, jedoch eben nicht bei uns anerkannte berufliche Vorerfahrungen. Dementsprechend sollten wir die Chancen sehen und diesen Menschen wiederum Chancen bieten. Das gehört sich meiner Überzeugung nach für unsere Gesellschaft, es befördert die gesellschaftliche Integration und ist zugleich eine gute Investition in die Zukunft.

ENTSCHEIDUNG: Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Hürden für Asylbewerber beim Einstieg in den Ausbildungsmarkt?

Weise: Das ist ganz klar die Sprache. Hier müssen wir zuerst ansetzen, um Integration für diejenigen mit einer Bleibeperspektive auch auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt erst zu ermöglichen. Die größte Hürde stellt dabei übrigens das Schreiben dar. Für viele der zu uns Geflüchteten bedeutet das Erlernen unserer Sprache ja auch, neu Schreiben zu lernen. Sie begegnen einer für sie eine völlig neuen Schriftsprache mit ungewohnten Buchstaben bis hin zu einer dem Gewohnten entgegengesetzten Schreib- und Leserichtung.

ENTSCHEIDUNG: Im Rahmen der Einigung zum Asylpaket II gab es auch die Festlegung, Asylbewerbern, die eine Ausbildung in Deutschland absolvieren, zu ermöglichen, dass sie nach erfolgreichem Abschluss ihrer Ausbildung zwei Jahre arbeiten können. Welchen Impuls für den Ausbildungsmarkt erhoffen Sie sich dadurch?

Weise: Ich begrüße diese Ansicht des Gesetzgebers. So wird den Betrieben mehr Planungssicherheit gegeben, dass der oder die Auszubildende dem Betrieb auch während der Ausbildung und der ersten Zeit danach dem Betrieb erhalten bleiben kann.

ENTSCHEIDUNG: Die Wirtschaftsverbände werden nicht müde, der Politik vorzuhalten, dass sie die Ausbildung junger Flüchtlinge erleichtern müsse. Was kann die Wirtschaft ihrerseits tun? Wo sehen Sie eine Mitverantwortung der Wirtschaft?

Weise: Die Wirtschaft tut schon heute viel, um junge Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit zu integrieren. Viele regionale und bundesweite Kooperationen mit den Arbeitsagenturen beweisen das. Vielleicht müssen manche Arbeitgeber noch etwas ihren Blickwinkel erweitern und das Potential jenseits der formalen Qualifikation betrachten, um dann den Menschen Chancen zu geben, von denen die Gesellschaft, aber auch ihr eigener Betrieb später profitieren können.

ENTSCHEIDUNG: Das vergangene Jahr wurde von der Flüchtlingskrise dominiert, das neue Jahr bisher ebenso. Welche Schlagzeile wünschen Sie sich für Weihnachten 2016?

Weise: Das Größte und Wertvollste wäre, wenn die Welt insgesamt wieder friedlicher wird und die Fluchtgründe in den so genannten Failing States, aus denen die Menschen momentan zu uns fliehen, wegfallen. In einer solchen Situation wäre mir die jeweilige Schlagzeile nahezu egal. Vielleicht wäre ja in einer nachrichtenarmen Zeit sogar Raum auf dem Titelblatt für die Meldung, dass dieses Weihnachten 2016 ein weißes wird.

ENTSCHEIDUNG: Wir danken Ihnen für das Gespräch, Herr Weise.

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