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Seit Februar ist Prof. Dr. Johanna Wanka Bundesministerin für Bildung und Forschung

DDR, Bezirk Leipzig, späte fünfziger Jahre. „Als Erstklässlerin habe ich geheult, weil ich so sein wollte wie die anderen.“ Die Mitschüler von Johanna Wanka waren Jungpioniere - sie nicht. Ihre Mutter verbot ihr, Mitglied der politischen Massenorganisation für die jüngsten DDR-Bürger zu werden, und verweigerte bei Wahlen ihre Stimmabgabe. „Um sie zum Wählengehen zu ermahnen, klingelte es an Wahltagen gegen vier oder fünf Uhr an unserer Haustür. Das prägt.“ Während dieser Zeit erlebte die junge Schülerin zudem die Zwangskollektivierung von Bauernhöfen. „Durch solche Eindrücke entwickelte sich mein Interesse an den gesellschaftlichen Zuständen schon sehr früh. Ich empfand Ungerechtigkeit und Unfreiheit.“ Wanka erinnert sich an das DDR-System mit seiner „Gleichschaltung“. „Ich wollte aber nie weg, sondern immer dort bleiben. Das war meine Heimat mit meinen Landschaften. Ich wollte dort jedoch anders leben können.“

So richtete sie sich angesichts der politischen Zustände ein, so gut es eben möglich war - etwa durch das Schaffen kleiner Freiräume wie dem Büchertausch im Freundeskreis oder bei der Wahl eines unideologischen Studienfachs: Mathematik statt Germanistik. „Zu den schlimmen Begleiterscheinungen in einer Diktatur zählt der vorauseilende Gehorsam der Bevölkerung. Aus Angst vor Ärger mit dem Staat wird der persönliche Spielraum immer mehr verkleinert.“ Gemeinsam mit ihrem Mann, der ebenfalls Mathematiker ist, äußerte sich die junge Wissenschaftlerin an der Merseburger Technischen Hochschule DDR-kritisch gegenüber Studenten im Seminar - es folgten für beide Disziplinarmaßnahmen: keine Aussicht auf eine Professur, keine Forschungsreisen, keine Artikel in angesehenen Fachzeitschriften. Dann Mitte der achtziger Jahre die Hoffnung auf den neuen KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow - doch im Frühjahr 1989 die erneute Ernüchterung nach den abermals gefälschten DDR-Kommunalwahlen. „Zuvor hatten mein Mann und ich Fragen bei verschiedenen Wahlversammlungen gestellt und waren voller Optimismus, dass es kein 99-Prozent-Ergebnis geben würde.“ Ein Trugschluss - noch. Wenige Monate später gehörten auch Studenten des jungen Wissenschaftlerpaares zu den Botschaftsflüchtlingen in Prag und Budapest. „Wir schöpften wieder Hoffnung und gründeten mit Freunden in Merseburg eine Gruppe des Neuen Forums. Die Mauer fiel. „In den folgenden Monaten hat Bundeskanzler Helmut Kohl Mut bewiesen und das Richtige getan“, so Wanka.

Im Frühjahr 1990 wurde Johanna Wanka für das Neue Forum in den Kreistag gewählt, wo die bisherigen Oppositionellen sogar den neuen Landrat aus ihren Reihen stellen konnten. „Am wenigsten interessierte es mich damals, ins Ausland zu reisen, denn es war viel spannender, etwa die Kreisverwaltung völlig neu zu organisieren.“ 1993 erfüllte sich der zuvor verwehrte Traum: Wanka wurde zur Professorin berufen - und bereits ein Jahr später zur Rektorin der Fachochschule Merseburg. „Ich war eine sehr politische Rektorin.“ Plötzlich konnte sie das ausleben, was ihr jahrelang verwehrt geblieben war: „Das war das Schönste am Umbruch 1989/90 - dass man etwas gestalten konnte.“ Schon nach wenigen Monaten als Rektorin wurde Wanka von den Grünen in Sachsen-Anhalt gefragt, ob sie Ministerin in der rot-grünen Minderheitsregierung des zukünftigen Ministerpräsidenten Reinhard Höppner werden wolle - doch sie lehnte ab, schon wegen der Tolerierung durch die SED-Nachfolgepartei PDS. Im Vorfeld der folgenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wurde die parteilose Rektorin Wanka 1998 Mitglied des CDU-Schattenkabinetts - doch die Wahl ging deutlich verloren. Zwei Jahres später entschied sie sich dennoch für die CDU-Mitgliedschaft - unmittelbar nach der Spendenaffäre, da sie die Volkspartei CDU gerade in dieser schwierigen Situation unterstützen wollte. Ihre Unterschrift verzögerte sich jedoch noch bis ins Jahr 2001. „Kurz vor meinem geplanten Eintritt fragte mich der damalige Brandenburger CDU-Landeschef Jörg Schönbohm, ob ich Wissenschaftsministerin in Potsdam werden wolle. Ich sagte zu - und in diesem Moment hätte ein gleichzeitiger Parteieintritt unglaubwürdig gewirkt.“

Mehr als neun Jahre lang war Wanka Mitglied der brandenburgischen Landesregierung, zuletzt sogar als stellvertretende Ministerpräsidentin. Sie wurde Spitzenkandidatin der CDU bei der Landtagswahl 2009: „In einer komplizierten Situation hat man darauf gesetzt, dass ich vermitteln und zusammenführen kann.“ Trotz der Mehrheit für Rot-Schwarz erhielt Wanka bald nach der Wahl einen Anruf ihres bisherigen Koalitionspartners Matthias Platzeck (SPD), der ihr kühl erklärte, sich für ein Bündnis mit der Linkspartei entschieden zu haben. „In einer Demokratie eigentlich ein normaler Vorgang. Aber: Ich empfand die neue Koalition mit den ehemaligen SED-Leuten als Verrat an 1989.“ Schon nach wenigen Monaten als Oppositionsführerin im Potsdamer Landtag wurde Wanka vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff im Frühjahr 2010 als Wissenschaftsministerin nach Hannover geholt und auch von dessen baldigem Nachfolger David McAllister berufen. „Da habe ich Landeskunde im Schnellverfahren betrieben: Ostfriesland, Emsland, Altes Land…“ Zugleich verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Niedersachsen und nahm auch an den Wochenenden viele Termine wahr. Dann die Landtagswahl Anfang 2013 - eine hauchdünne Niederlage. „Das war schlimm für uns.“ Doch noch bevor Wanka ihre Entlassungsurkunde erhalten hatte, erhielt sie einen Anruf von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihr die Nachfolge von Bundesbildungsministerin Annette Schavan antrug. „Ich bin seit vielen Jahren mit Annette Schavan befreundet und fand den Rücktritt sehr ungerecht“, so Wanka. Am 14. Februar 2013 war es dennoch soweit: „Als Bundespräsident Gauck mir meine Ernennungsurkunde überreichte, standen drei ehemalige DDR-Bürger nebeneinander: Joachim Gauck, Angela Merkel und ich. Unglaublich.“

Wäre die Mauer stehengeblieben, so ist sich Johanna Wanka über ihren dann völlig anderen Lebensverlauf sicher: „Ich wäre niemals Professorin oder mehr geworden, hätte nie die Möglichkeit gehabt zu gestalten.“ Doch es kam anders. Reibt sie sich angesichts dieser Entwicklung manchmal die Augen? „Nein, aber ich empfinde große Dankbarkeit. Wir haben einfach Glück gehabt.“

Über Johanna Wanka

Geboren am 1. April 1951 in Rosenfeld (heute Sachsen), verheiratet, zwei Kinder. 1970 Abitur, 1970/74 Studium der Mathematik in Leipzig. 1974 wiss. Assistentin an der Technischen Hochschule Merseburg, 1980 Promotion. 1993 Professorin für Ingenieurmathematik und 1994/00 Rektorin der Fachhochschule Merseburg, 1994/98 Vizepräsidentin der Landesrektorenkonferenz Sachsen-Anhalt. September 1989 Gründungsmitglied des "Neuen Forums" in Merseburg, 1990/94 Mitglied des Kreistages Merseburg. 2000/09 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, ab 2008 zugleich stellv. Ministerpräsidentin, 2005 Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Seit 2001 Mitglied der CDU, 2004/10 Mitglied des Landtages, 2009/10 Landesvorsitzende der CDU und Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion in Brandenburg. 2010/13 Ministerin für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen. Seit Februar 2013 Bundesministerin für Bildung und Forschung.

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