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Teil eins des Streitgesprächs zur Zukunft der Arbeit mit der Vorsitzenden der Jungen Unternehmer Sarna Röser und dem Bundesjugendsekretär der ver.di Simon Habermaaß.

Sarna, das Arbeitsrecht hinkt der Arbeitswelt hinterher und hindert die Arbeitgeber daran Fachkräfte zu gewinnen – das hast du in einem Beitrag für den Focus geschrieben. Wie groß sind die Herausforderungen bei der Suche nach digitalisierten Mitarbeitern tatsächlich?
Sarna: Die Herausforderungen sind enorm. Über 70 Prozent unserer Mitglieder sagen, der Fachkräftemangel sei für sie die größte Sorge und Herausforderung. Ich denke, wenn wir eine Arbeitswelt 4.0 wollen, dann brauchen wir auch ein Arbeitsrecht 4.0. Für uns junge Unternehmer ist zum Beispiel wichtig, dass wir von der starren Tageshöchstarbeitszeit zu einer flexiblen Wochenhöchstarbeitszeit für Arbeitnehmer kommen: Wenn heute Mitarbeiter den Nachmittag mit ihren Kindern verbringen wollen und dann abends eine geschäftliche Email schreiben, am nächsten Morgen aber ganz normal im Büro erscheinen, dann steht der Arbeitgeber schon mit einem Bein hinter Gittern weil er die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von 11 Stunden nicht einhält. Das müssen wir flexibler gestalten.

Simon, wäre ein flexibleres Gesetz, das eine Wochenhöchstarbeitszeit statt einer Tageshöchstarbeitszeit vorsieht, auch im Interesse junge Arbeitnehmer?

Simon: Als Gewerkschaft sind wir für Arbeitssouveränität von Beschäftigten. Die Flexibilisierung, die Sarna fordert, gibt es schon: Beschäftigte können täglich bis zu zehn Stunden arbeiten, bis zu 60 Stunden in der Woche. Nur die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit darf innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten insgesamt acht Stunden nicht übersteigen. 62 Prozent der Auszubildenden sagen, sie legen großen Wert auf ausgeglichene und planbare Arbeitszeit und erwarten eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Gerade dadurch und ein Recht auf Nichterreichbarkeit gewinnt man Fachkräfte.

Sarna: Wenn es diese Flexibilität schon gäbe, wäre es ja gut. Fakt ist aber, dass die Ruhezeiten von elf Stunden nicht gerade zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen. Die Beschäftigten in unseren Unternehmen wünschen sich mehr Flexibilität: Home-Office, flexible Arbeitszeiten, mehr Eigenverantwortung und das zugeschnitten auf unterschiedliche Lebensphasen. Wir wollen mit jedem Beschäftigten individuelle Lösungen finden und dem Arbeitnehmer mehr Eigenverantwortung zugestehen als das der Gesetzgeber tut. Gerade die junge Generation fordert mobiles und flexibles Arbeiten.

Simon: Aber die Regelungen, die du ansprichst, sind schon heute möglich: Gleitzeitkonten, lebenslauforientierte Arbeitszeit, das Recht in Teilzeit und dann wieder in Vollzeit zu gehen, Teilzeitarbeit für Pflege und für Weiterbildung. Aber wir wollen dort ein klares Stopp-Schild setzen, wo Beschäftigte permanent verfügbar sein müssen.

Ein wesentlicher Punkt sind die 11 Stunden Ruhezeit. Gibt es da keine Möglichkeit eine Flexibilisierung zu finden, wenn sie im Interesse der Arbeitnehmer ist?

Simon: Den Fachkräftemangel löst man nicht, indem man immer mehr aus den Beschäftigten herauspresst. Stattdessen muss investiert werden: in Mitarbeiter und in Ausbildung. Es gibt in Deutschland 1,2 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29, die weder eine Ausbildung abgeschlossen haben noch in Ausbildung oder Studium sind. Da haben wir ein riesiges Reservoir an Kolleginnen und Kollegen, die wir zur Entlastung der anderen Beschäftigten qualifizieren können.

**In der verarbeitenden Industrie werden viele Tätigkeiten der Automatisierung zum Opfer fallen. Einerseits suchen wir händeringend Fachkräfte andererseits brechen die niedrigschwelligen Jobs weg. Wie gehen wir denn damit um? **

Sarna: Die Leier vom Ende der Arbeit wird seit Ende des 19. Jahrhunderts gespielt. Schon damals hat man gesagt: Maschinen stehlen Arbeitsplätze. Aber die Entwicklung zeigt uns ja das Gegenteil: Ja, es sind durch die Digitalisierung viele Berufe verschwunden. Dafür sind aber auch immer neue Jobs entstanden. Wir müssen uns also mehr digitale Kompetenzen erwerben und damit schon in den Schulen beginnen, aber auch in Weiterbildung investieren.

Wir bilden also den Maschinenbediener weiter und dann hat er auch eine Jobperspektive?

Sarna: Genau. Und wir werden mehr Kapazitäten haben, um Mitarbeiter weiterzubilden, neue Unternehmungen zu starten, aus denen dann noch zusätzlich neue Jobs entstehen. Es gibt Arbeit ohne Ende. Wir müssen die Digitalisierung als Chance erkennen und nicht als Risiko. Das ist die große Aufgabe der Politik: Zu überzeugen, dass Ängste nicht notwendig sind.

Simon, Stichwort Weiterbildung: Es wird viel darüber diskutiert, ob dafür künftig auch das Jobcenter verantwortlich sein soll. Wo bleibt die Eigenverantwortung des Arbeitnehmers?

Simon: Ja, wir haben eine gute Beschäftigungslage. Aber es ist oft nicht gute, sondern schlecht bezahlte, prekäre Arbeit. Wir müssen alles dafür tun, das Normalarbeitsverhältnis zu stärken. Eine Berufsausbildung gibt jedem Arbeitnehmer eine hohe Kompetenz und Flexibilität für die Zukunft mit. Aber es kann natürlich passieren, dass ganze Berufsfelder aussterben. Wir sehen drei große Ansatzpunkte. Erstens: Wie können wir Leute schon für die Zukunft weiterbilden, wenn sie noch in Arbeit sind?

Wann kommt da die Eigenverantwortung des Arbeitnehmers ins Spiel?

Simon: Da kommt der Agentur für Arbeit eine ganz wichtige Rolle zu, die wir zu einer Qualifizierungszentrale weiterentwickeln müssen, in der Beschäftigten Weiterentwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, bevor sie von Erwerbslosigkeit bedroht sind, weil ihre Qualifikation nicht mehr nachgefragt wird. Natürlich ist es die Verantwortung des Arbeitnehmers, diese Angebote auch wahrzunehmen. Zweitens: Wenn wir über Verantwortung von Arbeitnehmern sprechen, müssen auch über die Verantwortung der Arbeitgeber sprechen. Wir fordern eine geförderte Bildungsteilzeit. Die Kolleginnen und Kollegen reduzieren ihre Arbeitszeit um in Weiterbildung zu gehen, und das wird einerseits durch den Staat und andererseits durch den Arbeitgeber gefördert. Der Arbeitnehmer kann nicht die ganze Last alleine tragen.

Welche Last trägt er denn?

Simon: Er investiert Zeit. Wer mal eine Fortbildung gemacht hat oder berufsbegleitend studiert, der weiß, dass das ist kein Spaß ist. Dazu sind viele bereit. Dafür brauchen wir aber auch die Bereitschaft der Arbeitgeber: Wir sagen, wer nach Fachkräften ruft, der muss auch etwas dafür tun. Drittens muss auch die Basis für die Berufsausbildung aktueller werden. In Deutschland regelt das Berufsbildungsgesetz die Ausbildung. Das ist inzwischen 13 Jahre alt. Arbeit 4.0 findet sich darin nicht wieder. Deshalb brauchen wir zügig die im Koalitionsvertrag vereinbarte Novellierung des Berufsbildungsgesetzes. Als Gewerkschaften haben wir dazu ein Konzept vorgelegt.

Sarna: Familienunternehmer sind die Ausbilder der Nation. Ich kenne keinen Unternehmer, der Weiterbildungen nicht offen gegenübersteht oder motivierte Mitarbeiter nicht fördert. Das könnten wir uns gar nicht leisten. Wir setzen dabei aber auf individuelle Lösungen, die wir gemeinsam mit den Mitarbeitern ausarbeiten. Simon spricht davon, die Agentur für Arbeit mit neuen Aufgaben noch weiter aufzublähen. Das kostet uns nur noch mehr. Ich finde es sinnvoller, die prall gefüllten Kassen der Arbeitsagentur dafür zu nutzen, die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung stärker als geplant zu senken. Das würde allen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu Gute kommen und nicht nur der Genese eines künstlichen Ausbildungsmarktes am Tropf der Bundesagentur dienen. Wir brauchen keinen Nanny Staat, der die New Economy überbetreut.

Sarna Röser ist seit März 2018 Bundesvorsitzende der Jungen Unternehmer. Die 30-jährige Unternehmerin ist designierte Nachfolgerin ihres Vaters im Familienunternehmen: Zementrühr und Betonwerke Karl Röser & Sohn GmbH und Gründerin der Plattform Beamcoo, die noch in diesem Jahr an den Start gehen soll.

Simon Habermaaß ist Bundesjugendsekretär der ver.di. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft hat etwa zwei Millionen Mitglieder und ist nach der IG Metall die zweitgrößte Gewerkschaft in Deutschland. Die ver.di-Jugend hat nach eigenen Angaben rund 112.000 Mitglieder.

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