Armin Laschet - Der Anti-Polarisierer in Zeiten weltweiter Konfrontation?

Im September 2020 erschien Armin Laschets erste Biografie. Geschrieben wurde sie von den Journalisten Tobias Blasius (Funke-Mediengruppe) und Moritz Küpper (Deutschlandradio). Häufig schon diskutierten die beiden über all die Stärken und Schwächen des amtierenden Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. Warum Laschet für sie Der Machtmenschliche in einem von präzisen Machtmaschinen agierenden Politikbetrieb ist, stellen sie auf 350 Seiten dar. Eine Rezension von Manjit Kohler.

Den ersten Eindruck, den der nordrhein-westfälische Ministerpräsident transportiert, sehen die Autoren seiner Biografie als unvollständig an. Armin Laschet habe lange Zeit als zu weich, zu liberal und zu rheinisch gegolten. Und doch regiere er heute das bevölkerungsreichste Bundesland der Bundesrepublik, gehöre zu den einflussreichsten Stimmen in Berlin und war Deutschlands erster Integrationsminister. Laschet sei lange die Unbedingtheit zur Macht abgesprochen worden, wie dies bei seinen Vorgängern Kohl oder Schröder der Fall war. Im Gegensatz zu deren biografischen Brüchen, strahle der behütet aufgewachsene und liebevoll geförderte Rheinländer Kontinuität aus.

Das Christliche Menschenbild im Zentrum von Laschets Politik

Der Lieblingsplatz in seiner Heimatstadt Aachen sei für Armin Laschet der Aachener Dom. Dies sei für ihn ein Ort, an dem er die Zeit finde, „über die wirklich wichtigen Fragen nachzudenken“. Schon im Jugendalter sei Laschet in Aachen engagiert und gut vernetzt gewesen: Neben der Jungen Union ist er in der Katholischen Jugend, im Kirchenchor, in der Laienspielgruppe seiner Gemeinde und als Messdiener im Hohen Dom zu Aachen aktiv. Mit 24 Jahren heiratet der damalige Jura-Student seine Frau Susanne, die er von Kindesbeinen an aus dem Aachener-Stadtteil Burtscheid kenne. Die Ehe hält seit nunmehr 35 Jahren.

In Hinblick auf seine Zeit nach dem Studium beschreiben die Autoren Laschet als Grenzgänger zwischen Medien und Politik. Es sei sein größter Wunsch gewesen, Journalist zu werden. Er ist zunächst für den Münchener Radiosender Radio Charivari und den Bayerischen Rundfunk tätig. Aufgrund dieses Interessengeflechts aus frühen Jahren attestieren ihm die Autoren eine mangelnde Sensibilität, Politik und Medien systematisch voneinander zu trennen und verweisen dabei exemplarisch auf die Auswahl seines Ministers für Bundesangelegenheiten 2017, der als Anteilseigner der Funke-Mediengruppe den Anschein einer Interessenkollision erweckt und schließlich auf das Amt verzichtet.

Als politischer Ziehvater Armin Laschets gilt der ehemalige Aachener CDU-Vorsitzende Leo Frings, der 1988, als Laschet im Aachener Stadtrat sitzt, auch Chef der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) ist. Er habe damals beobachtet, dass Laschet seine katholische Erziehung als „zentrale Wurzel“ seines politischen Handelns verstanden habe. Außerdem ist Frings der Auffassung, jede Großorganisation brauche einen Moderator, auf den sich alle verständigen können. Deshalb wünscht er sich Laschet als seinen Stellvertreter. Dieser sagt auch heute über sich selbst: „Das christliche Menschenbild ist Dreh- und Angelpunkt meiner Politik.“ Dennoch ziehe er klare Grenzen, wenn er im Gegenzug darauf hinweist, das Zusammenleben aller Deutschen sei durch das Grundgesetz und nicht durch religiöse Regeln bestimmt.

Für Modernisierungsschübe und ein starkes Europa

Ehemalige Grünen-Abgeordnete des Bundestags, wie Matthias Berninger, beschreiben Laschet als einen Politiker, der schon vor der Jahrtausendwende sehr klar eine Öffnung gegenüber den Grünen betrieben habe. Armin Laschet sei davon überzeugt, dass eine Partei gesellschaftliche Veränderungen im Zweifel nachvollziehen müsse. Auch deswegen trage er seit 2012 als CDU-Bundesvize breitwillig alle Häutungen und Modernisierungsschübe unter Angela Merkel mit, beurteilen die Autoren seiner Biografie. Gleichwohl könne er die Rolle des „Grünen-Verstehers“ hinter sich lassen. Erinnert wird hierbei an den Landtagswahlkampf 2017, die Ideen für den Veggi-Day oder auch das rot-grüne Nichtraucherschutzgesetz in Nordrhein-Westfalen.

Als ehemaliger Abgeordneter des Europäischen Parlaments zwischen 1995 und 2005 formuliert Laschet schon damals, im Zeitalter der Globalisierung sei Europa nur noch gemeinschaftlich stark und handlungsfähig (Focus-Gastbeitrag 2000). Im Jahr 2017 drängt er zu einer „kräftigen deutschen Antwort“ auf den Europa-Vorstoß des französischen Präsidenten Emmanuel Macrons.

Ministerpräsident einer nicht polarisierenden Koalition

Über seine Persönlichkeit, sich leicht in einer Vielzahl von Interessen, Ideen und Impulsen zu verlieren, scheine sich Laschet durchaus selbst bewusst. Dagegen habe er jedoch früh in seiner Karriere gelernt, mit zwei Schlüsselkompetenzen erstaunlich gut zurecht zu kommen: seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner unbedingten Diskussionsfreude.

Als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen sei Laschet bemüht, möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten. Seine schwarz-gelbe Koalition solle nicht polarisieren in einem Land, das in den urbanen Zentren keine strukturelle schwarz-gelbe Mehrheit mehr kenne. Er verfolge dabei einen Regierungsstil Kohls, nämlich den kleinen Koalitionspartner FDP auch immer mal glänzen zu lassen.

In der Bundespressekonferenz bei der Kandidatenvorstellung im Frühjahr 2020 sagt Laschet schließlich beim gemeinsamen Auftritt mit Jens Spahn: „Wir müssen unsere Partei und unser Land wieder zusammenführen und dafür will ich kandidieren“. Anhand der Corona-Krise skizzieren die Autoren allerdings auch, inwiefern in der zeitlichen Folge bei Laschet aus richtigen Einfällen zuweilen falsche Entscheidungen würden. Doch – resümieren sie – könne nun in Zeiten der weltweiten Konfrontation die Stunde eines Anti-Polarisierers schlagen.

Armin Laschet – Einer, der die CDU zusammenhält?

„Mein Ziel ist es immer, den Zusammenhalt aller unterschiedlichen Strömungen – der christlich-sozialen, der liberalen und der konservativen Wurzeln – zu erreichen.“, beteuerte Armin Laschet beim CDU-TV-Interview um den Parteivorsitz im Oktober 2020. Die erste über ihn herausgegebene Biografie liest sich genau so, wie Laschet von den Autoren dargestellt wird – kontinuierlich. Die beiden Journalisten Blasius und Küpper urteilen teilweise hart, wenn es um die aus ihrer Sicht chaotische Veranlagung Laschets geht. So werden sie nicht müde aufzulisten, wie der Ministerpräsident Uni-Klausuren nicht wiederfinden kann, sich gelegentlich bei Twitter echauffiert, bevor klar ist, in welchem Zusammenhang die Ereignisse stehen oder wie Gesetzesentwürfe missraten, wenn Laschet den Arbeitsfokus falsch setze. Mutmaßlich liegt dies im Selbstverständnis ihrer Berufsauffassung. Ebenso wie sie kritisieren, lassen sie Laschet aber auch glänzen, wenn sie sein Kulturverständnis herausarbeiten oder seine Fähigkeit beleuchten, im Laufe seiner Karriere scheinbar nirgendwo verbrannte Erde hinterlassen zu haben und frühere Konkurrenten im Sinne seiner Auffassung vom christlichen Menschenbild später wieder in das politische Team einzubinden. Insofern hat Norbert Röttgen nach dem Bundesparteitag bereits wieder den Weg in das Präsidium der CDU Deutschland gefunden. Ob und in welcher Rolle dasselbe mit Friedrich Merz funktioniert, liegt sicherlich an beiden Charakteren gleichermaßen.

Tobias Blasius/Moritz Küpper: „Der Machtmenschliche. Armin Laschet. Die Biografie.“, Klartext-Verlag, 25 Euro, 360 Seiten, ISBN 9783837523355